Frühgeschichte

Um die Geschichte des Tegernseer Tals zu beginnen, braucht man gar nicht weit in die erdgeschichtliche Vergangenheit zurückgehen, nämlich nur etwa 18000 Jahre. Aus der Perspektive eines Menschenlebens ist das sicherlich eine lange, aus erdgeschichtlicher Sicht hingegen eine geradezu lächerlich kurze Zeit. Damals waren die Alpen in ihrer heutigen Form bereits vorhanden, und das inneralpine Talsystem entsprach durchaus dem heutigen. Das Tegernsee-Becken war ausgefüllt von der Eismasse des Tegernsee-Gletschers.

Somit war an eine Besiedlung noch lang nicht zu denken. Denn nach dem Abschmelzen von Schnee- und Eismassen bot auch der schnee- und eisfreie Zustand ein trostloses Bild, diesmal das Bild einer Gesteinsschutt- oder Schotterwüste. Erst ganz allmählich konnte sich damals dank der Klimaerwärmung eine Bodenkrume bilden, die die Voraussetzung bot für die Ansiedlung zunächst einer einförmigen Tundrenflora. Im Lauf einer sehr langen Zeit kam es schließlich zur Bildung eines geschlossenen Waldbestandes, wobei das Tegernsee-Gebiet einer Berg-Mischwald-Zone, bestehend aus Fichten, Buchen und Tannen, angehörte. Der Entwicklung der Pflanzengemeinschaft folgte, immer in einem gewissen zeitlichen Abstand nachhinkend, die Ausbreitung der Tierwelt. Mit dem Vorhandensein von Pflanzen und Tieren, besonders von jagdbaren Tieren, waren dann endlich die Vorbedingungen auch für menschliches Leben erfüllt. Auf Grund der spärlichen Funde aus der Jungsteinzeit (bis 1800 v. Chr.) kann man sagen, dass Menschen zumindest das Tegernseer Tal berührten. Während der Bronzezeit (bis 1200 v. Chr.) beweisen Funde die Besiedelung des Tales. Zu dieser Zeit führte auch ein Urweg vom Inntal zum Tegernsee.

Rund 1000 Jahre später befinden wir uns in der Latènezeit um ca. 400 v.Chr.; keltische Stämme siedeln im Voralpenland. Die Menschen dieser Zeit durchstreiften - möglicherweise als Jäger oder Erzsucher - das Gebirge und benutzten damals schon einen Gebirgsübergang, der später noch lange Zeit die Hauptverbindung von Brandenberg über die Wildalm zum Tegernsee bilden sollte. In der Chronik Brandenbergtal ist dieser Weg exakter beschrieben, daß er in Breitenbach am Inn begann, über´s Joch auf die Eben von Brandenberg (bei der Kirche) hinabging, sich dann bei Hueb teilte, wobei ein Weg über die Brücke bei Steinberg ging und die andere Strazz (also unser Urweg) über die Prandenberger Wildalm-Bairisch Wildalm durch die Langenau zum Tegernsee und von dort nach Durchquerung der Furt über die Mangfall am Seeabfluß bei Gmund in verschiedene Richtungen nach Norden führte. Auf diesem Urweg nimmt vermutlich auch der spätere Kreuther Kirchhügel eine wichtige Stelle ein. Sicher befand sich hier eine heidnische Kultstätte, welche, einer Tegernseer Sage nach, eine Bäuerin aus Wolfsgrub in der Nacht vom 5. auf 6. November nackt auf ihrem Schimmel reitend dreimal umkreiste. Diese keltische Schimmelreiterin war Vorläuferin des später christianisierten Pferdeumrittes um die Kreuther Kirche - erstmals für 1442 nachgewiesen - und heute der größte Festtag mit der Leonhardifahrt am 6. November. Mit der Besetzung weiter Teile Südbayerns im Jahr 15 v. Chr. durch die beiden Stiefsöhne des Kaisers Augustus, der Prinzen Drusus und Tiberius, wird für nahezu ein halbes Jahrtausend das Land zwischen den Alpen und der Donau in den Machtbereich des römischen Imperiums eingefügt.

 

Klosterzeit

Die nächsten Funde bzw. schriftlichen Unterlagen gibt es erst wieder ab der Gründung des Klosters Tegernsee im Jahr 746. Nach der Säkularisation 1803 bahnte sich auch für die Kreuther Untertanen eine bemerkenswerte Entwicklung an: Das Grundobereigentum konnte abgelöst werden! Das geschah mit einer Geldsumme, die teilweise auch in jährlichen Raten am Rentamt in Miesbach einbezahlt werden durfte. Nach der letzten Rate wurde eine Urkunde von bestem und dauerhaften Papier ausgehändigt und daran hing eine geschnitzte Kapsel mit Siegel und Petschaft Seiner Majestät des Königs. Solche " Büchselbriefe sind eine außerordentliche Rarität. Es kamen aber auch die Schwierigkeiten: zu Klosterzeiten sorgte dieses für den Vertrieb des erwirtschafteten Überschusses, nun mußte sich der Bürger seine Absatzmärkte selber suchen. Das war jahrelang ein hartes Brot, bis der bayrische König Max I. Joseph das ehemalige Kloster Tegernsee erwarb und zu seinen Sommersitz erkor. Und im Jahr 1817 auch Wildbad Kreuth vom Kreuther Landwirt Melchior Zahler kaufte. Damit begann in Kreuth der Fremdenverkehr. Mancher Kreuther Bauer und Häuslbesitzer zog über den Sommer in ein Nebenhäusl und vermietete sein Haus an Urlaubsgäste, die 2 bis 3 Monate blieben um mit Kind und Kegel in Kreuth die Sommerfrische zu verleben.

Jäh unterbrochen wurde diese für den heutigen Betrachter solide Zeit durch den Ersten Weltkrieg. Tote Helden, Verwundete, Krüppel, Not, Hunger, Elend - das sind die Erinnerungen in nahezu jeder Familie des Kreuther Tales. Die nachfolgende Inflation brachte Verhältnisse, in denen ein planvolles Wirtschaften einfach nicht mehr möglich war. Mit dem Tegernseer Notgeld versuchte man, das wirtschaftliche Leben einigermaßen aufrechtzuerhalten, und das Ende der Inflation im November 1923 ließ wieder auf bessere Zeiten hoffen. Aber die Not ging trotzdem noch täglich bei der Tür aus und ein. Diese harte Zeit zwang aber auch dazu, Nachbarschaftshilfe zu üben. Das geschah bei der Verbauung der Wildbäche und beim Wegebau; im Winter bei starkem Schneefall war ja ohnehin einer auf den anderen angewiesen. Die Straße zur Landesgrenze konnte nur mit hölzernen, später dann mit eisernen Schneepflügen freigehalten werden. Davor waren natürlich Pferde gespannt. In einem besonders schneereichen Winter waren einmal 52 Rösser beim Bohmacha (Schneebahn machen) in der Glashütte! Viele Vorreiter sorgten dafür, daß der tiefe Neuschnee zuerst niedergetrampelt und schon eine feste Bahn für die nachfolgenden Pferde geschaffen hatte, die den Schneepflug ziehen mußten. Als besonderes Ereignis ist im Gedächtnis der Alten haften geblieben, daß in einem Winter die Kreuther sogar bis Holzkirchen räumten. Sie hatten einen der ersten eisernen Schneepflüge. Begüterte Familien, die sich im Tal niederließen, richteten Suppenküchen und Schulspeisung ein, beschenkten die Kinder zum Christkindl (nach 1933 gab es in manchen Häusern von dieser Seite keine Bescherung mehr, da die Wohltäter das Land verlassen mußten).

Auch der Krieg machte vor dem Tegernseer Tal nicht halt. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) erreichten die Schweden und die zweite Geißel, die Pest, das Tal. Das Kreuther Tal blieb jedoch verschont. Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) waren Überfälle von Tirolern mit Plünderung und Brandschatzung von Glashütte, Bad Kreuth und Kreuth auf der Tagesordnung. Ähnliches ereignete sich im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1745) mit Brand des Zoll- und Wirtshauses in Kreuth. Die Koalitions-, Napoleonischen- und Freiheitskriege (1793-1815) brachten viele Truppenbewegungen und Einquartierungen ins Kreuther Tal mit einigen Kampfhandlungen an der Demarkationslinie in Weißach-Reitrain. Der Zweite Weltkrieg (1939-1945) fand am Ende auch seinen Weg ins Kreuther Tal. Bad Kreuth wurde beschossen, einige deutsche Soldaten fanden hier noch den Tod. Am Kriegsende befand sich im Tal ein riesiges Lager von zurückgelassenem Kriegsmaterial.

Industrie war im Kreuther Tal immer rar. In der Vergangenheit gab es den Marmorbruch in Enterbach. Das Marmorvorkommen wurde 1683 entdeckt. Abt Bernhard Wenzl richtete ein Steinmetzwerk ein, das Kirchen, Klöster und Residenzen belieferte. Im Jahre 1803 - mit der Aufhebung des Klosters - verfiel der Marmorbruch. Nach Ankauf des ehemaligen Klosters und den Liegenschaften durch König Max I. Joseph im Jahre 1817 wurde das Marmorvorkommen wieder aktiviert und Säulen, Kamine und Böden usw. geliefert (Potsdam, Charlottenburg, Walhalla u.a.). Wieder in Vergessenheit, wurde er 1905 zum 3. Mal entdeckt (Marmorwerk Tegernsee), mit Lieferung von Erzeugnissen an Residenzen, Museen, Banken und viele öffentliche Bauten. Die Ausbeutung des Marmorbruches endete erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Nur für kurze Zeit gab es für unsere Vorfahren neben der Landwirtschaft noch einen anderen Erwerbszweig: Die Glashütte im Wald. Abt Bernhard Wenzl erbaute Im Wald - in silva - im Jahr 1688 eine Glashütte. Diese brannte schon im Jahr 1698 wieder ab und wurde - wegen Unrentabilität - nicht mehr aufgebaut. Die Siedlung "Im Wald" erhält nach der Gründung der Gemeinde Kreuth im Jahr 1808 den Namen Glashütte. Der dritte Industriezweig war die Holztrift auf der Weißach. Mit dem Bau der Saline in Rosenheim im Jahr 1810 begann im Salinenrevier Tegernsee eine intensive Abholzung der Wälder. Alle Gebirge, deren Wasser über den Tegernsee und der Mangfall zum Inn (Rosenheim) flossen, gehörten zu diesem Revier. Das Holz wurde in Meter-Scheiten auf der Weißach zum See getriftet und darüber hinweg. Zuerst weiter auf der Mangfall bis Rosenheim, später, -1861 bis Thalham und weiter mit der Eisenbahn, ab 1883 Verladung in Gmund auf die Eisenbahn. Die letzte Weißachtrift war 1912, die letzte Trift über den See 1919. Kreuth lebte damals von der Waldarbeit (Holzknechte) und von der Triftung und Bau der Triftanlagen für dieses Salinenholz. Gründung der brüderlichen Vereinigung der Holzarbeiter, Holzmeister und Saliner unter dem Schutz des Hl. Vinzentius war im Jahr 1818. Im Jahr 1993 feierte der Vinzentius-Verein sein 175 jähriges Bestehen. Heute gibt es im Kreuther Tal Handwerksbetriebe, doch die Haupteinnahmequelle der Kreuther ist der Tourismus; jeder Einwohner ist direkt oder indirekt auf den Fremdenverkehr angewiesen.

Am Sonntag vor Mariä Himmelfahrt des Jahres 1491 wird die neue Kirche in Kreuth, von Bischof Ulrich von Salona, aus dem Franziskanerorden, und dem Weihbischof von Freising, Sixtus Tannenberg, eingeweiht. Sie wurde in einem Jahr von den Maurermeistern Hans und Martin Vörchl aus Egern, vermutlich unter dem Egerner Baumeister Alex Gugler, erbaut; Auftraggeber war der Tegernseer Abt Konrad V. Ayrinschmalz. Im zweiten Kirchenbau von 1491 galt die Weihe wiederum dem hl. Leonhard. Dieser Kirchenbau stellt im wesentlichen die Bausubstanz des heutigen Kirchen-Innenraumes dar. Teilweise sind Fresken aus dieser Zeit - Girlanden und Festons an den Fenstern - erhalten. Doch schon im Jahr 1442 gibt es eine Leonhardifahrt in Kreuth; in der Dokumentation 1400 Jahre Christliches Bayern wird dies festgestellt.

Doch wie lebten unsere Vorfahren unter der Klosterherrschaft?

Einen genaueren Einblick in die soziale Gliederung, in die wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Tegernseer Kloster und seinen Untertanen, geben erst die Stiftsbücher und Urbare vom 15. Jahrhundert an. Und aus charakteristischen Einzelheiten jener Quellen fügt sich dieses Bild zusammen: Ein Großteil der Untertanen waren Hörige, geschieden in die eigentlichen Knechte und Mägde und Personen, die rechtsfähig waren, das heißt, sie hatten ein Gut zu Lehen, gegen bestimmte Reichnisse, und konnten bei Rechtsgeschäften als Zeugen mitwirken. Die Hörigen in geistlichen Stiften hatten eine bessere Stellung gegenüber den Sklaven, die als Eigentum gekauft, vertauscht und verkauft wurden, weil sie als Kirchenknechte den erhöhten Schutz genossen, der der Kirche auch sonst zukam. Juristisch unterstanden sie den Richtern der Kirche, nicht den weltlichen Gerichten. Wer seinen Status als Höriger wahren wollte, mußte einen Recognitionszins in Geld leisten, fünf Pfennige in der Regel. Wenn die Hörigen oder ihre Nachkommen drei Jahre lang diese Abgabe nicht leisteten, verfielen sie wieder dem Sklavenstand . Schwer verständlich scheint den Historikern die selbsteigene Übergabe von freien und adeligen Frauen; offenbar suchten auch sie den Schutz des Klosters. Ebenso eigenartig mutet beispielsweise die Schenkung des Grafen Otto von Valley an, der Gertrud, die Tochter des Heinrich von Höhenrain, zu einem Seelgerät vorläufig halb, nach seinem Tode ganz dem Kloster in Tegernsee übereignet - ob er mit oder ohne Kinder sterbe. Die Mehrzahl dieser Hörigen kann in dieser Klosterdienstbarkeit Lehen übernehmen, gewinnt damit aber nicht die Freiheit der freien Bauern; ihre Selbständigkeit erlaubt aber beispielsweise die Familiengründung, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. So sahen es die Tegernseer Äbte nicht gern, wenn Frauen aus fremden Herrschaftsbereichen geehelicht wurden, denn die Kinder folgten rechtlich der grundherrschaftlichen Zugehörigkeit der Mutter. Darum wurden schon früh, für Tegernsee nachweislich im Jahr 1222, Verträge geschlossen, die das Heiraten von Untertanen verschiedener Grundherrschaften regelten. Es ist klar, daß der Abt - um der wirtschaftlichen Kraft und Macht seines Territoriums willen - eine Auswanderung nur mit Widerstreben duldete. So wurden beispielsweise zwei zu unrecht nach Tölz abgegangene Bauern wieder in den Winkel zurückgeholt, durch ein Machtwort des Herzogs, den das Kloster immer wieder anrufen mußte, weil sich Untertanen dem Tegernseer Regiment entzogen. Die Städte lockten, denn "Stadtluft macht frei". Nach dem ältesten Leibzinsbuch aus dem Jahr 1498 mußten Tegernseer Untertanen, die außerhalb des Bereiches der Tegernseer Gerichtsherrschaft saßen, pro Person zwei Pfennige, Verheiratete vier Pfennige als Leibzins geben. Und wer auswandern wollte, mußte das Leibeigenschaftsverhältnis lösen. Die gleiche Quelle bezeugt zahlreiche Auswanderungen aus dem Tegernseer und Kreuther Tal. Viele Menschen zog es in das Nachbarland Tirol, wo sie als Ertzknappen in den Silberbergwerken von Schwaz ihr Brot verdienten. Für den Zeitraum von 1627 bis 1726 zählt der Historiker Mitterwieser ein halbes Tausend Emigranten auf, die in der nahen oder fernen Fremde ihr Glück suchten: In Städten und Dörfern, in allen deutschen Landen; sogar ins Elsaß und nach Lothringen hat der kraftstrahlende Tegernseer Winkel Jünglinge und Männer entsandt. Wer auswandern wollte, mußte sich aus dem Leibeigenschafts-Verhältnis freikaufen, mit Bargeld, mit Naturalien (25 Pfund Hopfen kostete einem Tegernseer Untertanen die Freiheit) oder mit einer Probe seiner Handwerkkunst, etwa einen schön ins Kreuz gedrehtes helffenbeinernes Palsam-Pixl, das dem Quirin Höß den Weg als Drechsler in das ferne Erfurt öffnete.

Während im benachbarten Allgäu bei den Bauernunruhen im Jahr 1526 die Flammen emporschlugen, blieb es im Tegernseer und Kreuther Winkel, sowie fast im gesamten Herrschaftsgebiet des Herzogtums Baiern ruhig, denn das bairische Herrscherhaus hatte bereits in den vergangenen Jahrhunderten durch Gesetze dafür gesorgt, daß die Untertanen nicht nur ausgebeutet und geschunden werden durften, sondern auch Rechte hatten. Aber generell darf man sagen, daß sich Grundherr und Untertanen ihren "Modus vivendi nicht stören lassen wollten. Und diesen sozialgeschichtlichen Hintergrund sollte man sich vor Augen halten, wenn man im Geist nachvollziehen will, wie nach der Urbarmachung des Landes um den Tegernsee die Siedler vom klösterlichen Altbruderhof in Weißach (später Hofbauer genannt) weißachaufwärts vordrangen und das Bergtal Schritt für Schritt erschlossen. Es ist die Geschichte einer über Generationen währenden Rodungsarbeit mit Axt und Feuer, die im Namen dieser Siedlung immer fortleben wird: "Im Rawt, hieß Kreuth früher, "Im Gerodeten" oder wie man in unseren Tagen noch sagt: "Ins Kreith, fahr´ma ins Kreith...

Weitere Ortsteilnamen von Kreuth markieren diesen "Rodungsfeldzug": Reitrain = gereutet, gerodeter Rain = Feldrand, Uferhang; Pförn = abgeleitet aus Föhre d´för´n = die Föhren oder z´fern = bei den Föhren); Schärfen = von scarf = Schneide, Berghang; Leiten = am Berghang; Point = entstammt der Karolingerzeit, rührt von Biwand - Bifang her, es ist ein Feld, das auch ohne Zaun beliebig verwendet werden kann; Brunnbichl hat nichts mit einem Brunnen zu tun sondern kommt von abprunnen (abbrennen). In den Tegernseer Urkunden werden die Kreuther Scharwerker häufig als "Aschauer" geführt. Der Name "Aschau" war die Sammelbezeichnung für die gesamte Ansiedlung im Weißachtal von Reitrain bis Kreuth, wahrscheinlich wurde dieses Gebiet durch Feuer gerodet. Der Begriff verschwindet erst im 16. Jahrhundert. Es war kein leichtes Leben als leibeigener Bauer, man war nicht nur nicht frei, man mußte auch dafür bezahlen: "Zahlt 59 Kreuzer, 1 Kreuzer Weinlohn", bestimmt das Salbuch, das für die Zeit von 1611 bis 1674 die Abgaben und Leistungen der Anwesen im Kreuther Winkel festhält, beispielsweise für jedes der vier Anwesen in Pförn, "30 Pfund Schmalz, 15 Speiskäs, 1 Huhn, 25 Eier, 1 Klafter Dienstholz, 2 Fuder Kalkholz".

Die Höfe im Kreuther Tal waren zu keiner Zeit wirtschaftlich autark. Hazzi beschreibt im Jahr 1801 die Landwirtschaft im Gericht Tegernsee so: "Als kultivierten Boden kann man nur den siebenten Theil des ganzen Flächeninhalts annehmen; das übrige ist Waldung oder Alm- und Weideplätze. Die wenigen Felder werden mit Sommergetreid, als Gersten, Weizen, Korn (Roggen), Hafer, Bohnen und Flachs bebaut, wovon der dritte oder vierte Samen erzielt wird, welches aber nicht einmal zur erforderlichen Speise hinreicht". Im benachbarten, klimatisch günstigeren Inntal wird der achte bis zehnte Samen erzielt und heute muß ein Bauer wohl das Dreißigfache der Aussaat ernten, um wirtschaftlich abzuschneiden. Es wird aus dieser Zeit auch berichtet, daß versucht wurde, als Winterfrucht Fesen anzubauen. Dies ging wohl in Gmund, aber im Kreuther Tal waren die Winter zu streng und schneereich. Fesen ist ein Knöterichgewächs, blüht schön rosa und gibt dreikantige Nüsse. In Südtirol wird Buchweizen oder Fesen heute noch angebaut, aus dem Mehl gibt es Mus (Schwarzplenten) oder Knödel (haadene Knödel). Es war nicht nur ein Nehmen, es war auch ein Geben, denn das Kloster gab den Leibeigenen auch Schutz und vertrat seine Interessen gegenüber der weltlichen Konkurrenz. Die Armleuth im Winkel waren frei von Steuern und Abgaben an den Landesfürsten, aber nur, weil sich das Kloster massiv für diese Freiheit einsetzte, zuletzt am Vorabend der Säkularisation, als der Kurfürst diese Privilegien der Kleinen antasten wollte. Mit Mannesmut trat etwa Abt Quirin II. auch gegen den Herzog Albrecht V. auf, der zum Entsetzen der Kreuther Bauern und der Wiesseer Untertanen am Ringsee einen Wildbann angelegt hatte, aus dem die Wildschweine verheerend in die Fluren einbrachen.

Abrundend die Beschreibung, die Hazzi von den Bewohnern unserer Gegend gibt: "Das Aussehen der Tegernseer Bewohner ist beinahe wie in den vorigen Gebirgsgegenden. Die Männer sind groß, gut gebildet, gesund und robust. Auch das weibliche Geschlecht ist schön, von mittelmäßiger Größe, gesund und fleischigt. Gleiche Gastfreundschaft herrscht unter ihnen. Man erzählt sich noch immer, wie unzufrieden die Bauern waren, als der Befehl erging, daß sie Vagabunden nicht mehr beherbergen, sondern ins Wirtshaus schicken sollten, wobei sie äusserten: man nehme ihnen auch noch die Gelegenheit "Gutes zu thun. Trinken und Antechteleien sind ihre Hauptschwachheiten. Die jungen Leute raufen auch gern und gehen, wie die jungen Klostergeistlichen, gern auf die Almen, wo die Almerinnen ebenso gastfreundlich und munter sind. Die Ehelust ist auch hier sehr mittelmäßig: als eine Hauptursache gibt man davon an, daß, weil die Eltern das Gut solang nicht übergeben wollen, die Kinder darüber auch alt werden, Bekanntschaften suchen und schon meistens erwachsene Erben haben, ehe sie auf das Gut kommen, wo denn bei ihnen alle Ehelust erloschen sei. Zudem da die geistlichen Herren ohnehin der Ehe so hold nicht sind, in allen Predigten der ganzen katholischen Christenheit das Zölibat sehr hervor gestrichen und mit den buntesten Farben ausgemalt wird, für den Ehestand aber nur sehr düstere übrig bleiben, so muß das immer eine der Ehe sehr nachtheilige Wirkung auf die Gemüther hervorbringen." Die Ehen waren hier übrigens sehr fruchtbar, mit acht bis zehn Kindern. Unter den jährlich getauften Kindern rechnet man vier bis fünf uneheliche. Der Kurpfalzbaierische Generallandesdirektionsrath meint, daß die Leute hier in der Gegend sich zu stark an das "verderbliche" Sprichwort halten: Nichts Neues auf- und nichts Altes abbringen.

Römerzeit

Mit der römischen Besetzung des Landes fängt eine neue Geschichtsepoche an: Mit ihr lässt man nördlich der Alpen die vorgeschichtliche Zeit enden und die frühgeschichtliche beginnen. Es entstand damals die römische Provinz Raetien (Südbayern wurde später zur Provinz Raetia secunda) mit der neu gegründeten Hauptstadt Augusta Vindelicum/Augsburg. Die keltische Bevölkerung wurde dabei verhältnismäßig rasch romanisiert, ein Vorgang, der die große zivilisatorische Kraft des Römischen Reiches beweist.

Wichtigste Voraussetzung für die Integration, Erschließung und Verteidigung auch dieser römischen Provinz war die Anlage eines Straßennetzes, das bis weit ins Mittelalter hinein die Grundlage des Fernverkehrs bleiben sollte. Heute noch gut kenntlich an ihren geradlinigen Dämmen und den sie begleitenden Materialgruben, ziehen die ehemaligen römischen Straßen noch immer hunderte von Kilometern durchs Land und stellen so das großartige Denkmal einer imponierenden technischen Leistung vor fast 2000 Jahren dar. So führte von der Römerhauptstadt eine gut ausgebaute Fernstraße, eine der Hauptschlagadern dieser Provinz, nach Südosten, über die Garnison und spätere zivile Ansiedlung Bratananium (Gauting bei München) nach Invavum/Salzburg, dem bedeutenden Verwaltungssitz der römischen Provinz Noricum. Sie kreuzt bei der Autobahnausfahrt Hofoldinger Forst südlich von München die Autobahn nach Salzburg und zieht nur 24 km nördlich vom Tegernsee vorüber, dort streckenweise noch deutlich erkennbar.

Auch Meilensteine sind aus diesem Abschnitt erhalten. Es klingt unglaublich, aber man konnte zur Römerzeit schneller und gefahrloser von Paris nach Konstantinopel reisen als etwa um 1800. Es ist nicht verwunderlich, dass sich in der Nachbarschaft dieser Straße die Fundstellen römischer Provenienz verdichten (z.B. Skelettgräber in Vally, vermutlich eine römische Militärstation). Um das Jahr 300 beginnen sich auch die ersten Zeugnisse des Christentums einzustellen. Dies alles betrifft aber immer noch ausschließlich das Alpenvorland. An dieser Stelle sei auf ein allerdings aus den Katakomben Roms stammendes frühchristliches Zeugnis hingewiesen: eine im Altarraum der Pfarrkirche in Gmund befindliche Gedenkmarmorplatte für eine 27 jährige Martyrerin.

Mit dem Zusammenbrechen der römischen Herrschaft in Raetien, infolge der immer stärker gewordenen Germaneneinfälle, wurde das raetische Alpenvorland bald nach dem Jahr 400 n. Chr. von den Römern seinem Schicksal überlassen. Als sie abrückten, blieb außer den Errungenschaften einer hohen Zivilisation die geistige Macht des Christentums zurück. Aus der kelto-romanischen Bevölkerungsgruppe, deren Existenz sich z.B. aus vordeutschen Orts-, Fluß- und Flurnamen ergibt, und aus den nach und nach eingewanderten germanischen Sippenverbänden, die sich aus verschiedenen ethnischen Splittergruppen zusammensetzten, begann in den ersten Jahrzehnten des 6. Jahrhunderts, sehr wahrscheinlich auf friedlichem Weg, der Stammesverband der Baiern als politische Einheit zu entstehen. Seine Führung regelte ein für allemal die Lex Baiuvariorum, das baierische Stammesrecht, in dem es heißt: Dux vero, qui praeest in populo, ille semper de genere Agilolringarum fuit et debet esse. Mit disen kraftvollen und nicht mißzuverstehenden Worten ist also im Baiernrecht der ausschließliche Führungsanspruch der Agilolfinger ein für allemal festgelegt.

Aus Bodenfunden, speziell aus der Verbreitung der merowingerzeitlichen Reihengräberfelder (z.B. bajuwarischer Friedhof bei Oberwarngau rd. 10 km nördlich vom Tegernsee, vom Ende des 6. bis zum 8. Jahrhundert; Fundmaterial im Heimatmuseum in Miesbach), mit ihrem für die merowingische Reihengräberzivilisation bezeichnenden Formengut sowie aus den Ergebnissen der Ortsnamenforschung (-ing und ham-Orte) lässt sich die Geschichte gut ablesen und der Nachweis einer ziemlich dichten bajuwarischen Besiedlung erbringen, aber auch nur für das Alpenvorland. Einem dort verhältnismäßig wenig besiedeltem Land stand damals noch die große Masse der terra inculta gegenüber, die in weitem Umfang von Wald bedeckt war. Der dichte Waldgürtel von Urwaldcharakter (der finstere Wald im Norden des Tegernsees, auf den heute noch der Name der dortigen Ortschaft Finsterwald hindeutet), der sich damals am Alpenrand entlang zog, blieb noch lange Zeit unbesiedelt. Er wurde erst durch die Klostergründungen in der Mitte des 8. Jahrhunderts und durch deren ausgedehnte Rodungstätigkeit erschlossen. Im Tegernseer Tal verlief die Besiedlung wahrscheinlich von Anbeginn an unter Aufsicht und aufgrund der Initiative des Klosters.

Kelten

Die Häufung von vor- und frühgeschichtlichen Fundstellen im nördlichen Alpenvorland, die dort allerdings keine Kontinuität der Besiedlung belegen, ist sicherlich nicht forschungsgeschichtlich bedingt, sondern als Abbild der tatsächlichen Verhältnisse zu werten. Sei es, dass es sich z.B. um die indirekten Hinweise auf Wohnsiedlungen durch Nekropolen in Form von Grabhügeln (z.B. bei Reichersbeuern etwa 7 km nordwestlich vom Tegernsee) oder um Keramikfragmente aus der Hügelgräber-Bronzezeit (von etwa 1600 bis 1300 v. Chr.) handelt, seien es die Kultanlagen der Viereckschanzen und die stadtartigen, befestigten zentralen Marktorte, die im letzten Jahrhundert v. Chr. von dem bereits in vieler Hinsicht hoch zivilisierten keltischen Volksstamm der Vindeliker angelegt wurden. Eines der beiden in Bayern südlich der Donau bekannten keltischen Oppida liegt nur 16 km nordöstlich vom Tegernsee, die sog. Fentbach-Schanze. Vermutlich war Ostin bei Gmund eine keltische Siedlung. Funde keltischer Münzen (z.B. im Schlossgarten von Valley, rd. 17 km nordöstlich vom Tegernsee) beweisen, dass sich zu jener Zeit der Übergang vom Naturhandel zur Geldwirtschaft anbahnte, wodurch u.a. das Entstehen stark differenzierter Wirtschaftsformen innerhalb stadtartiger Siedlungen ermöglicht wurde. Der Abbau von Eisenerz nahm damals bereits nahezu industrielle Ausmaße an.

Steinzeichnungen

In der Geschichte des ehem. Klosters Tegernsee stellt der Autor Max Fuchs fest, daß mit Sicherheit angenommen werden darf, daß Kelten vom Stamme der Vindelicier am Tegernsee gewohnt haben oder daß ihnen der See zumindest bekannt war. Das fischreiche Gewässer und die wildreichen Wälder seien Verlockung genug gewesen zu einer Ansiedlung oder zu Jagdzügen. Keltischen Ursprungs sind im Tegernsee-Bereich Namen wie z.B. Galaun und Valepp.

In vorrömischer Zeit, hauptsächlich aus der Zeitspanne um 500 v. Chr. bis Christi Geburt, gehört auch der sensationelle Fund einer in sieben Bändern angeordneten rätischen Felsinschrift , der im Jahr 1957 am Schneidjoch nördlich vom Guffert an einem Höhleneingang gemacht wurde. 2006 entschlüsselte der Sprachwissenschafter Stefan Schumacher von der Universität Wien die 2000 bis 2500 Jahre alte Inschrift, wonach der Räter Kastrie Etunnu und seine Söhne am Schneidjoch rituelle Handlungen vornahmen. Welcher Art diese waren, wissen wir nicht. Die Inschrift nennt nur die Namen. Wie oder was die welchen Göttern geopfert haben, wurde nicht aufgeschrieben, weil das den damaligen Leuten klar war. Auch die vierte Zeile dürfte eine Namensnennung sein. Offen ist aber nach wie vor die Bedeutung der drei weiteren, wesentlich kürzeren Inschriften. "Diese lassen sich zwar sehr gut erkennen, es werden dabei aber - anders als in den ersten vier Inschriften - Schriftzeichen verwendet, die man von keinem anderen Fund her kennt", betonte der Experte für alte Sprachen und Schriftsysteme.

Der Ulmer Stadtrat Dr. med. Hans-Walter Roth ist von Beruf Augenarzt und Naturwissenschaftler, er arbeitet darüber hinaus als Journalist und Photograph. Seit vielen Jahren widmet er seine ganze Freizeit der Archäologie und hier besonders der Entzifferung alter Sprachen. Er hat diese Schriftbänder mit speziellen Verfahren der wissenschaftlichen Photographie mit monochromatischen Licht aufgenommen und mit Lasertechnik vermessen. Nach elektronischer Kontrastverstärkung wurden dabei von Roth einige hundert neue Details entdeckt und hervorgehoben, die dem Auge bisher verborgen blieben. So steht für diesen Ulmer Archäologen fest, dass die Höhle bereits einige Jahrtausend vor Christus besiedelt war und in der Bronzezeit als astronomischer Beobachtungspunkt diente. Spätere Spuren stammen nach seinen Thesen von den Rätern, auch Schriftreste von Römern, Kelten und Goten ließen sich inzwischen nachweisen. Es liegen mittlerweile über dreitausend derartige Aufnahmen vor, die es Hans-Walter Roth ermöglichten, eine andere Lesart der Felsinschriften zu erarbeiten.

Quelle: Tegernseer Tal Verlag der standart.at Redaktion vom April 2006

Jungsteinzeit

Bei den ältesten von Menschenhand angefertigten Gegenständen, die man im Landkreis Miesbach (zu dem das Tegernseer Tal verwaltungsmäßig gehört) gefunden hat, handelt es sich um zwei Einzelfunde von Steinäxten aus der Zeitepoche des Jungneolithikums (der jüngeren Jungsteinzeit), also aus der Zeit von etwa 2000 bis etwa 1800 v. Chr. Diese im Ort Tegernsee gemachten Funde werden allerdings von der Prähistorischen Staatssammlung München den Fundumständen entsprechend unter unbrauchbare Fundmeldungen eingereiht. Der Einzelfund einer Bronzenadel in einem Wasserriß bei der Kühzagl-Alm und einer weiteren Nadel der frühen Bronzezeit unter dem aus dem 11. Jahrhundert stammenden Fundament der nördlichen Chormauer der Tegernseer Klosterkirche deuten darauf hin, dass Menschen damals gelegentlich auch den Alpenrand begangen hatten.

 

Siehe Ötzi: Vor über 5300 Jahren stieg ein Mann in die eisigen Höhen der Schnalstaler Gletscher und kam dort auf 3210 m Seehöhe um. Im Jahr 1991 wird er zufällig gefunden: mitsamt seiner Kleidung und Ausrüstung, mumifiziert, gefroren - eine archäologische Sensation und eine einzigartige Momentaufnahme eines kupferzeitlichen Menschen. Nach mehrjährigen Untersuchungen durch hochspezialisierte Forschungsteams sind die Mumie und ihre Beifunde seit März 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum der Öffentlichkeit zugänglich. Auch das Rofangebirge war bereits begangen, was Funde im Achenseegebiet, eine Dolchklinge bei der Dalfazer Alm und Keramik bei Wiesing beweisen. Bei weiterem Forschen finden wir hinweise auf einen Urweg vom Inntal zum Tegernsee; die Chronik von Holzkirchen von 1987 zeigt auf, daß der Fund von 16 Bronzeringbarren am Rande des Teufelsgrabens bei Heigenkam auf das Vorhandensein eines solchen Weges hindeuten könnte, auf dem Metall vom Gebirg nach Norden gebracht wurde. Hinweise auf Siedlungsreste aus jener Zeit, in der in unseren Breiten der Mensch im Begriff war, sein Jäger- und Sammlerdasein aufzugeben und sesshaft zu werden, finden sich nur weiter nördlich im zugänglicheren Alpenvorland.  Und so ist es im Grund genommen, geblieben bis in die Mitte des 8. nachchristlichen Jahrhunderts.

Tegernseegletscher

Zur Entstehung des Tegernsee-Gletschers braucht man gar nicht weit in die erdgeschichtliche Vergangenheit zurückgehen, nämlich nur etwa 18000 Jahre. Aus der Perspektive eines Menschenlebens ist das sicherlich eine lange, aus erdgeschichtlicher Sicht hingegen eine geradezu lächerlich kurze Zeit.

Damals waren die Alpen in ihrer heutigen Form bereits vorhanden, und das inneralpine Talsystem entsprach durchaus dem heutigen. Das Tegernsee-Becken war ausgefüllt von der Eismasse des Tegernsee-Gletschers, eines Produktes des Eiszeitalters, das vor schätzungsweise 1,5 Millionen Jahren begann und in dessen Verlauf ein Wechsel von mehreren Kaltzeiten, in denen Gletschervorstöße zu ausgedehnten Vereisungen in weiten Teilen des Alpenvorlandes führten, mit kürzeren und längeren Warmzeiten nachweisbar ist. In den Warmzeiten war das Klima ähnlich dem heutigen, zeitweise war es sogar noch etwas wärmer als heute. Vor rd. 18000 Jahren reichte das Eis des Tegernsee-Gletschers am Nordende des Sees noch bis mindestens 120 m und an dessen Südende bereits über 200 m über den heutigen Wasserspiegel des Sees. Noch weiter südlich, bei Kreuth, lagerte im Weißachtal eine über 400 m mächtige Eismasse.

Woher man das weiß?
Bei diesen Angaben handelt es sich keinesfalls um Mutmaßungen, sie beruhen vielmehr auf exakten glazialgeologischen Beobachtungen. Wie auch heute noch führten damals die Gletscher Gesteinsgut mit sich, auf ihrer Oberfläche, in ihrem Inneren. Verständlicherweise blieben diese Schuttmassen beim Abschmelzen des Gletschereises und beim Zurückweichen des Gletschers zurück. Da sie für den Geologen leicht als solche zu identifizieren sind, lässt sich anhand ihres Auftretens in der heutigen Landschaft das Volumen auch des Tegernsee-Gletschers zuverlässig rekonstruieren.

Die Gletscherablagerungen, die Moränen, zeigen in ihrer gesteinsartlichen Zusammensetzung ein Spektrum von Gesteinen, teils beim Vorstoß des Eises von diesem vom Untergrund und von den Seiten aufgenommen worden sind. Aus den Komponenten dieses Gesteinsschuttes können sichere Rückschlüsse auf das Herkunftsgebiet eines Gletschers gezogen werden. Danach verdankt der Tegernsee-Gletscher seine Existenz Seitenästen der mächtigen, aus den Kristallinen Zentralalpen stammenden Eismasse des Inntal-Gletschers, von dem ein Ast der Achensee-Furche und dann dem Weißachtal folgte, wärend ein anderer vom Inntal aus schließlich durch das Tal der Rottach das Tegernsee-Gebiet erreichte. Aus dem Eisstrom dieser beiden nur mäßig breiten Wurzeltäler entwickelte sich bei deren Zusammentreffen der sich nach Norden bis auf die ansehnliche Breite von 4 km trichterförmig erweiternde Tegernsee-Gletscher.

Große Bedeutung hatte der Zufluß von Eis der lokalen Vergletscherung der Kalkalpen, die den Tegernsee-Gletscher umgaben. Durch ihn wurde dem Tegernsee-Gletscher der überwiegende Anteil seiner Geschiebefracht zugeführt. Aber man trifft auch Geschiebe an, die nur aus den Zentralalpen herbeigeführt sein können.

Im kleinen Maßstab findet sich eine durch Gletschereis geprägte Formenwelt im Bereich von Lokalvergletscherungen in den höheren Teilen der Kalkalpen. So treten z.B. in der Umgebung des Wallberges und auch des Rißerkogels zahlreiche Kare auf, von Gletschereis ausgeschliffene nischenartige Hohlformen, die von Moränenwällen umschlossen werden und die z.T. auch noch einen kleinen durch eine Moräne aufgestauten See enthalten, der das ehemalige Becken eines Miniatur-Lokalgletschers ausfüllt.

Ein Beispiel hierfür ist die Gegend des Blankensteins, eines fossilen Korallenriffs, das vor etwa 200 Millionen Jahren im warmen Meerwasser entstanden ist und heute bis beinahe 1800 m über den Meeresspiegel reicht, zeitweise in Eis und Schnee gehüllt, mit seinem zackigen Gipfelgrat, dem Turmreichen Ostgrat, seinen teilweise senkrechten Kalksteinplatten und der etwa 50 m hohen Blankensteinnadel ein sehr beliebter Klettergarten mit Schwierigkeitsgraden I bis VI; zu später Zeit, erst im Jahr 1955, gelang die Erstbesteigung der Gesamtostkante der Blankensteinnadel durch zwei Rottacher. Wenigstens einer der zahlreichen aus dem Tegernseer Tal stammenden Kletterer sei hier namentlich genannt, der Kinshofer Toni (1934-1964), Bergführer aus Bad Wiessee. Ihm glückte mit einer Viererseilschaft die erste Winterbegehung der Eigernordwand, er erreichte über die Diamir-Flanke als zweiter Mensch den Gipfel des Nanga-Parbat im Himalaya. Erst dreißig Jahre alt musste er seine Bergleidenschaft im Klettergarten im Schwarzwald mit dem Leben bezahlen; er ruht auf dem Wiesseer Bergfriedhof.

Kenner der Bergwelt wissen auch noch die an versteckten Stellen in den Tegernseer Bergen liegenden Gumpen zu schätzen, diese im Kalkstein ausgewaschenen sauberen Badewannen, die stellenweise sogar mit einem kleinen Wasserüberfall als Dusche ausgestattet sind. Das Bild der Landschaft während des Höchststandes der letzten Vereisung muß etwa dem Anblick entsprochen haben, den man von einem Berggipfel aus hat, wenn man hinunterblickt auf eine in dichten weißlichen Nebel eingehüllte Landschaft, aus dem nur die höchsten Berggipfel oder Bergkämme herausragen, da sie entweder mit einem Lokalgletscher behaftet oder von ewigem Schnee bedeckt waren, der damals im Tegernseer Raum bis auf etwa 1200 m herunterreichte, also bis auf die Höhe der den Tegernsee flankierenden Bergzüge, demnach gewissermaßen eine weiße Wüste von Eis und Schnee.

Vor etwa 18000 Jahren setzten der sich dann verhältnismäßig schnell vollziehende Eisverfall und der Abbau des Eisstromnetzes der letzten Vereisungsperiode ein.

Quelle: Geschichte des Tegernseer Tales von Peter A. Cramer