Schuhplattln

Schuhplattln

Der Schuhplattler ist ein ganz besonderer Tanz, der gesellig sein kann, bei dem das tanzende Paar oder sogar der einzeln tanzende Bursch aber auch ganz auf sich allein gestellt sein kann. Aus heute nicht mehr nachweisbaren Anfängen, die vielleicht bis ins Mittelalter zurückgehen, entstand das, was wir als "schuhplatteln" kennen, in einem langwierigen, sich über viele Jahrzehnte hinziehenden Prozeß. Seine "Erfinder" waren einfache Leute: Bauern, Jäger, Holzknechte. Getanzt wurde damals selten. Der Bursch lernte sein Dirndl nicht erst beim Tanz kennen wie heute. Man kannte sich von der Arbeit - vom Stall, von der Alm, von der Sennerei. Der Bursch führte "sein" Dirndl zum Tanz, der ihm Gelegenheit bot, ihr deutlich zu machen, was ihn bewegte. Man mußte sich vergegenwärtigen, daß die Bauernburschen und Holzknechte vergangener Jahrhunderte weder lesen noch schreiben konnten. Aber sie waren körperlich gewandt, verfügten über große Muskelkräfte und waren durch harte Arbeit zu erstaunlichen Dauerleistungen trainiert. Dazu kam wohl auch Musikalität und rythmisches Gefühl. Mit diesen Gaben der Natur wollten sie sich ihren Dirndln offenbaren. Insoweit war der Tanz von Anfang an ein Werbetanz, ein Tanz, mit dem der Bursch um die Gunst des Dirndls warb. Deshalb unterscheidet sich der Schuhplattler-Tanz nicht unwesentlich von jenen Tänzen, bei denen die Partner körperlichen Kontakt suchen, angefangen beim Walzer, dem ersten weitverbreiteten Tanz mit Tuchfühlung, der deshalb seinerzeit als unmoralisch bezeichnet und zeitweise sogar verboten wurde, bis hin zum sinnlichen Tango.

"Hochzeitmahl zu Schliersee um 1825" Kolorierte Lithographie aus der Sammlung Lipowsky

Die Vorläufer des Schuhplattlers sind älter als diese Tänze. Wie weit sie zurückreichen, weiß man nicht. Die ältesten brauchbaren Nachweise über sie datieren aus der Zeit des höfischen Menuetts, der Quadrille und der Francaise, jener zierlich-eleganten Schritt-Tänze der Höfe und ihrer Nachahmer im 18. und 19. Jhr. Während aber hier strenge Regeln und Vorschriften den gesamten Tanzablauf festlegten, folgten die bäuerlichen Tänzer und Tänzerinnen in Oberbayern und Tirol in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nur ihrer Musikalität und ihrem körperlichen Bewegungs- und Gestaltungsdrang. Der Charakter des frei gestalteten Werbetanzes, bei dem der Bursch nach eigenen Gutdünken im Tanz improvisierte, verlor im Laufe der Jahrzehnte, etwa von der Mitte des 19. Jhrs. an, allmählich diese spezielle Bedeutung und wandelte sich mehr und mehr zum Schautanz, bei dem der Tänzer - nun im Verein mit anderen Burschen plattelnd - weniger "seinem" Dirndl zu gefallen suchte, als vielmehr den Zuschauern allgemein.

Die Alpenkette zieht sich vom Montblanc im Westen über mehr als 700 Kilometer bis hin zum Dachstein im Osten. Weshalb ausgerechnet in der Mitte der östlichen Hälfte auf dem sehr streng begrenzten Raum von knapp 150 km im Geviert sich ein Tanz entwickeln konnte, der nicht seinesgleichen hat, ist - und bleibt wahrscheinlich auch - ein Rätsel. Der österreichische Tanz-Forscher Karl Horak machte in seinem "Tiroler Volkstanzbuch" den Versuch, den Raum einzugrenzen. Er hält jenes bayerisch-tirolerische Alpenviereck für das Ursprungsland des Schuplatteln, das von der Linie Garmisch-Meran im Westen, Salzach und Drau im Osten, von der Linie Tölz-Ruhpolding im Norden und von Eisack- und Pustertal im Süden begrenzt wird. Ausschließlich aus diesem Raum stammen alle Belege über das Schuhplatteln, deren die Forschung bisher habhaft werden konnte. Man hat versucht, Gründe für die Entstehung eines so dynamischen, kräftezehrenden Tanzes zu finden und weshalb er sich speziell in dem beschriebenen Alpenraum entwickelte. Doch befriedigende Antworten sind schwer zu finden.

Innerhalb des bayerischen Bereiches mag das Tanzverbot durch Herzog Maximilian I. (dem späteren Kurfürsten) im Jahre 1616 mitgespielt haben, wodurch die Gelegenheit zum Tanzen selten war, weshalb sich die in monatelanger Enthaltsamkeit angestaute Tanzeslust explosiv Luft machte, wenn es einmal soweit war. Franz Magnus Böhme macht dies deutlich, wenn er schreibt, "...der Schuhplattler werde gewöhnlich in den oberbayerischen Alpen getanzt,... wo der in jahrelangen Mühen abgehärtete Jäger von seinen Felsen heruntersteigt und die sonst von der Welt abgeschiedene Sennerin den einzigen fröhlichen Tag im Jahre begeht". In diesem Landrecht wurde nicht nur das Tanzen verboten; Frauen wurde das Tragen von Samt und den Männern das Trinken von Schnaps untersagt. Das Tanzverbot richtete sich vor allem gegen die "Bueben- Täntz". Die Vermutung liegt sehr nahe, daß er etwas mit dem zu tun hatte, was man Schuhplatteln nennt. Aus der Tatsache des Verbots jedoch und aus den begründeten Hinweisen auf "Rumorn" und Todtschläg" kann geschlossen werden, daß es beim Tanzen damals recht lebhaft zuging.

Der Dreißigjährige Krieg, die Dezimierung der Bevölkerung und die Verwüstungen insbesondere auf dem Land mögen dazu beigetragen haben, daß es in der zweiten Hälfte des 17. Jhrs. bis hinein ins 18. etwas ruhiger wurde. Quellen, aus denen Schlüsse über das Tanzverhalten der bayerisch-tirolerischen Grenzbevölkerung in dieser Zeit gezogen werden können, sind sehr rar. Der Dürftigkeit der schriftlichen Überlieferung entspricht es, daß die Plattler seit eh und je ihrem Brauch treu geblieben sind, nur mündlich und praktizierend zu überliefern. Der Brauch, das Schuhplatteln nicht schriftlich, sondern nur ausübend zu überliefern, hat vielleicht eine tiefe, im Volkscharakter wurzelnde Ursache. Vor 2500 Jahren lebten keltische Stämme (unsere Vorfahren) im bayerischen Oberland. Bei ihnen war Lesen und Schreiben verpönt, bei ihren Priestern, den Druiden, sogar verboten. Die Abneigung gegen schriftliche Fixierung von Bräuchen ist also althergebracht.

Um das Jahr 1030 schrieb ein unbekannter Mönch, der vielleicht Froumund hieß, im Kloster Tegernsee, die erste anschauliche Schilderung des deutschen Lebens in unserem Raum zu damaliger Zeit. Es ist der Versroman "Ruodlieb", eine frühlateinische Dichtung in Hexametern, die als die schönste jener Zeit gilt. Sie ist nur in Bruchstücken erhalten. In diesem heißt es in deutscher Übersetzung: Der Jüngling springt auf und gegen ihn das Mädchen. Dem Falken gleicht er, und sie gleitet wie die Schwalbe. Kaum sind sie nahe, sind sie schon vorbeigeschossen. Er greift sie werbend an, doch sie sieht man entflattern. Und keiner der die beiden schauen darf, vermöchte im Tanz, in Sprung und Handgebärde sie zu meistern! In der letzten Zeile heißt es sinngemäß: ...keiner, der die beiden (Tänzerin und Tänzer) sieht, könnte es ihnen nachmachen. Die Schilderung zeigt nicht nur, wie dynamisch man vor rund 1000 Jahren im oberbayerischen Raum tanzte, sondern auch, daß der Mann schon damals sein Dirndl ebenso spielerisch umtanzte, wie 800 Jahre später in den Vorläufern des Schuhplattler-Tanzes und wie zum Teil heute noch.

"Kirchweihtanz in der Umgegend von Tegernsee um 1825" Kolorierte Lithograph aus der Sammlung Lipowsky

Trotz solcher Parallelen wäre es indes verfehlt, hier einen richtigen Schuhplattler-Tanz erkennen zu wollen. Sicher ist aber, daß sich der Schuhplattler aus derartiger tänzerischer Dynamik allmählich entwickelte, zunächst in seinen Vorläufern, dann über den werbenden Einzelpaartanz bis zur heutigen fixierten Form, die aber innerhalb dieses Rahmens unendlich viele Variationen bietet. Mit der allmählichen Erholung der Bevölkerung und der Wirtschaft nach dem großen Krieg 1618 bis 1648 und einer gewissen Liberalisierung durch Aufklärung, Erfindungen und Entdeckungen und später dann vor allem durch die Französische Revolution 1789 wurde es wieder lebhafter auf dem Tanzboden. Auf bäuerlichen Tanzböden in Oberbayern und Tirol scheint man sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jhrs. im Gegensatz zu den Fürstenhöfen und den Städten recht ungezwungen und natürlich gegeben zu haben. Aus überlieferten Berichten und Bildern, die bäuerliche Tanzszenen beschreiben oder zeigen, können wir uns ein ziemlich klares Bild darüber machen, was da gebräuchlich war.

Mag es auch an den Fürstenhöfen nicht so ungezwungen zugegangen sein, so weiß man doch, daß Kronprinz Ludwig (der spätere Ludwig I. von Bayern) als 18jähriger im Jahr 1804 nach Rom reiste. Dreizehn Jahre später, als der Kronprinz in eine römische Taverne einkehrt und sich und seine Begleiter als "Bavaresen" ausweisen, erkennt ihn zwar der Wirt nicht mehr. Umso lebhafter erinnert er sich aber des jungen Ludwig: "Vor vielen Jahren hat der Kronprinz von Bayern mir die Ehre gegeben, ein hochgewachsener, schlanker Jüngling, ein kurioser Herr. Was macht er wohl, springt er noch so in die Höhe wie damals, als er bei seinen wunderlichen Einfällen außer sich war, wie er sich voll Leben mit beiden Händen auf die Knie und Oberschenkel klopfte, auch die Leiter hinaufstieg, um den Wein am Fasse zu verkosten?" Man sieht, auch im Haus Bayern war das Schuhplatteln ein Ausdruck der Lebensfreude.

"Hackbrettspieler" Bleistift von Lorenz Quaglio 1823

Johann Pezzl beschreibt einen Tanz, den er im Bezirk des "Rentamtes München" im Jahr 1784 beobachtete:
Die Tänze sind eine Art von Walzern; unter den Instrumenten ist besonders das Hackbrett beliebt; einige Tänzer pfeifen selbst, klatschen mit den Händen und stampfen mit den Füßen zur Musik. Wer sein Mädchen recht lieb hat, hebt sie während des Tanzes oft so hoch er kann gähnlings in die Höhe, stellt sie wieder auf den Boden und tanzt weiter in der Reihe fort. Die Musik, "eine Art von Walzern", ist natürlich ein Ländler. Am Anfang der zweiten Hälfte des 18. Jhrs. kam neues in der Musik auf den Tanzboden. Der Dreivierteltakt eroberte auch die Alpenregion. Dem Walzer huldigten vornehmlich die Städter, während man auf dem Land und so auch im Bergland, den Ländler, den nicht schleifenden, sondern getretenen Dreischritt-Tanz bevorzugte. Die Obrigkeit sah das nicht gern. Wie bereits erwähnt, galt der Walzer wegen der engen Körperhaltung als unmoralisch. In seinem Bayerischen Wörterbuch berichtet Andreas Schmeller zum Stichwort "walzen", daß in Bayern auf dem Land "walzende und schutzende Tänz" am 15. Oktober 1760 verboten worden seien. Man hatte ziemlich prompt reagiert, denn Walzer und Ländler waren zu diesem Zeitpunkt hochaktuell. Ab 1772 war der Walzer auch im Salzburgischen untersagt.

König Max II. von Bayern (1811-1864, Regierungszeit 1848-1864) hielt auf bayerische Sitte, Tracht und Tradition - wie eigentlich alle Wittelsbacher. Er hatte deshalb schon als Kronprinz angeregt, eine "Landes- und Volkskunde des Königreiches Bayern" herauszugeben, die im Jahre 1860 unter dem Titel "Bavaria" erschien. Die Vorarbeiten dafür gingen aber zurück auf das Jahr 1845. In diesem Jahr hatte Kronprinz Max den Maler und Dichter Josef Friedrich Lentner (1814- 1852) beauftragt, das bayrische Land zu durchreisen und zu beschreiben. Im Mai 1849 überreichte Lentner seinem inzwischen gekrönten Auftraggeber einen 21 Seiten langen Bericht für "Allerhöchst Ihren Privatgebrauch". Insgesamt füllte Lentner im Auftrag des Königs 39 Folienhefte, die alle in der Bayerischen Staatsbibliothek liegen. In diesem Bericht schreibt Lentner über die Gegend von Miesbach, Tölz, Schliersee und Tegernsee: An Kirchtagen ... zeigt sich hier die laute, lärmende nimmermüde Lustbarkeit des Gebirgsvolkes, Ländler und sogenannte bayrische Tänze werden ununterbrochen herabgestampft und dabei auch aus voller Brust gejauchzt, gepfiffen und dazwischen gesungen... und sehr viele Buben verlegen sich mit Eifer auf das Platteln, wie sie den gebirgischen, lauten Tanz nennen, der anderwärts der bayerische heißt. ...in dem Gebiete der Gerichte Miesbach und Tegernsee vornehmlich wird dies "Platteln" mit großem Eifer und mit einer Art naturwüchsiger Grazie geübt; es geht dabei immer sehr laut her: Jauchzen, Pfeifen und Gesang des höchst tanzlustigen Volkes übertönen oftmals die gellenden Klarinetten und die Trompeten, die gewöhnlich zum offenen Fenster hinaus geblasen werden, um neue Gäste anzulocken ... Allerdings entsprach dieses Platteln noch nicht dem reglementierten Gruppentanz unserer Zeit, bei dem alle beteiligten Burschen gleichzeitig gleichlaufende Bewegungen ausführen. Die Burschen damals plattelten zwar, aber in der tanzenden Menge willkürlich verteilt, jeder nur um sein Dirndl bemüht und jeder einen selbsterfundenen Bewegungsablauf tanzend, also nicht im rythmischen Gleichmaß mit einem oder gar allen anderen Burschen gemeinsam.

In einem Bericht über das bäuerliche Tanzen im bayerischen Oberland in der Zeitschrift "Aurora, Zeitschrift aus Bayern" im Jahr 1828 heißt es zum Schluß: "...die Burschen tanzten den ganzen Nachmittag beinahe ununterbrochen bis tief in die Nacht hinein, was für die Kondition der Gebirgsburschen spricht. Für die Gesundheit der Dirndl, die ja mithalten mußten, glaubte man in dem übermäßig langen Drehen eine Gefahr zu erblicken. So ist in der "Bavaria", Band I, Seite 381, zu lesen: Das sogenannte Austanzen der Mädchen mußte im Jahre 1846 vom Landgericht Rosenheim aus Gesundheitsrücksichten verboten werden, da gute Tänzerinnen selten ein paar Minuten an ihrem Platz bleiben, sondern unausgesetzt ganze Abende und Nächte durchtanzten..."

"Erinnerung an den Aufenthalt Ihrer Majestät der Kaiserin von Rußland im Bade Kreuth 1838. Der Tanz nach dem Schießen am 16. August" Lithographie 1938

Am 28. Juli 1838 kam die russische Zarin mit ihrer Tochter Alexandra nach Bad Kreuth und am 12. August unverhofft Zar Nikolaus I. Dazu schreibt Kaspar Petzenbacher, Brunnenbauer in Tegernsee, in seinem Tagebuch: "16. August, hat der Kaiser von Rußland im Bad Kreuth ein großes Fest für Bauern und Schützen, ein Schießert und einen Ball für Tänzer und Tänzerinnen gegeben. Und am 25. August noch einmal. Am 27. August reiste der Zar und am 1. September die Zarin wieder ab."

Wer all diese Beschreibungen bäuerlicher Tänze vom Anfang des 18. Jhrs. bis in die Biedermeierzeit aufmerksam liest, dem fällt auf, daß von der Alpenregion zum "Vorland" - das ist das den Alpen, dem "Hochland", vorgelagerte Gebiet etwa auf der Linie Traunstein, Rosenheim, Holzkirchen, Weilheim - ein Intensitätsgefälle im Tanz besteht. Je weiter nördlich, um so zahmer, gesitteter und langsamer geht es zu, während das "lebhafte Gebirgsvolk" lauter, lebhafter und intensiver tanzt. Diese Beobachtung hat heute noch seine Gültigkeit.

Auf das Jahr 1860 datiert Franz von Kobell sein "Königsbüchel", jene "Sammlung oberbayrischer Lieder", die er im Auftrag seines Königs Max II. zusammentrug. Dort findet sich der Vers:


`s Schuhplattln ko´nit glei
Oana in´ganzn Gai
So guat, wie i´bei´m Tanz
Kimm g´wiß nit aus´n Kranz