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Die Volksmusik
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Das Volkslied ist in Bayern untrennbar mit dem Namen des Kiem Pauli
verbunden. Wer war dieser Mann? Lassen wir den Kiem Pauli selbst erzählen:
"Man sagt, ich sei am 25. Oktober 1882 in München, in der
Corneliusstraße, geboren und in der Heiliggeistkirche getauft worden.
Ich weiß nicht, was mein Vater damals für einen Beruf hatte, und was
sich sonst alles in diesem Gärtnerplatzviertel um diese Zeit zugetragen
hat, und so will ich gleich von der Stätte berichten, von der meine
ersten Erinnerungen ausgehen. Wir wohnten damals in der Heßstraße
Nr. 72 und hatten dort ein kleines Milchgeschäft, das meine Mutter führte;
die Milch bezogen wir aus Feldmoching. Meine Mutter habe ich nicht
mehr so recht in Erinnerung, da ich sie im 6. Lebensjahr leider, leider
verloren habe. Ein großer Efeustock fiel vom zweiten Stockwerk herunter
und meiner Mutter auf den Kopf. Die Leute meinten, man solle doch die
Schuldigen anzeigen, aber meine Mutter wollte diese sonst so braven
Leute nicht unglücklich machen und so unterblieb die Anzeige. Meine
Mutter war nun einige Jahre immer leidend, bis sie 1888 starb. Wir waren
vier Buben, ich will sie dem Alter nach nennen: Ernst, Erich, Edmund und
ich, der Jüngste, wurde damals noch Emanuel genannt...
Mit dem Tod unser Mutter begann nun für uns vier unmündige Buben
eine Jugend, die alles, nur nicht schön zu nennen ist..."
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1903 gründete Michael Dengg die Tegernseer
Bauernbühne, der Pauli wird als fester
Musiker und Kassier angestellt und übernimmt
kleinere Rollen. Es folgt eine
Deutschlandtournee, ein längeres Engagement
in Berlin.
Durch diese Bühne kam Kiem an den
Tegernsee und lernte hier den Dichter Ludwig Thoma kennen, der ihm
Weihnachten 1919 das "Raspelwerk" von Karl Mautner,
die vollständige Sammlung österreichischen Liedgutes schenkte.
In dieser Stunde wurde der Kiem Pauli zum Missionar, es wurde
ihm bewußt, daß er ausziehen mußte, um vom bayerischen
Volkslied noch zu retten was zu retten war.
"Es gibt Sünden,
die man nie wieder gutmachen kann", schrieb er im Nachwort zu
seiner 1934 erstmals erschienenen Sammlung "Oberbayerischer
Volkslieder" ein wenig nachdenklich. Und so erklärte der Kiem Pauli der "greanen Hosntragermusi" den Krieg und
trat mit Fahrrad, Notenpapier, Bleistift und Zither im Rucksack
zum Kampf an - ein "Wünschelrutengänger, der darauf
vertraute, daß im Boden seiner Heimat, diesem alten Boden von
Bauern und Berglern, die verborgenen Brunnstuben der Tiefe noch nicht ausgetrocknet
seien", wie der Historiker und Essayist Karl Alexander von Müller
es etwas weniger militärisch beschrieb.
Aber lassen wir ihn selbst
erzählen:
"Als ich nach dem ersten Weltkrieg 1918 zurückkam, nahm ich meine
Tätigkeit als Musikant mit meinen beiden Freunden Reiter und Holl wieder
auf. Rund um den Tegernsee war der Tanz obenauf. Von Paris brachten Leute
moderne Musikinstrumente mit und sagten zu uns, daß wir nicht
rückständig bleiben dürften, wenn wir leben wollten. Wir müßten uns
umstellen usw.!
Es ist mir heute noch in guter Erinnerung, wie im Gasthaus zur
'Überfahrt' in Egern am Tegernsee anläßlich einer Tanzunterhaltung ein
etwas rätselhaftes Wesen den Saal betrat. Gekleidet wie ein Mann, mit
glatt zurückgekämmten, kurzen Haaren. So was hatten unsere Einheimischen
noch nicht gesehen. Einige Minuten herrschte vollständige Stille, und mit
allgemeinem Staunen sah alles auf das Mannweib!
Eine neue Zeit trat in Erscheinung. Es dauerte nicht lange, dann feierte
der 'Bubikopf' seine Triumphe, dazu kamen die modernen Tänze, gewürzt
mit den meistens sehr sinnreichen Schlagerliedern. Mein Weg war mir klar
und meine Kameraden waren ganz meiner Meinung. Ich verspottete mit
selbstgemachten Liedern und Gstanzln die Auswüchse der einheimischen
Bevölkerung, sang Almlieder, spielte mit meinen Freunden Landler, Mozart,
Haydn, die alten Bauernmenuette, und es gelang uns, immer mehr Freunde zu
gewinnen. Unsere Konzerte wurden von Bauern, Handwerkern, berühmten
Musikern, Kapellmeistern, Opernsängern, Malern, Schriftstellern und
Professoren besucht. Immer mehr sammelte sich um uns eine Gemeinde
Gleichgesinnter. Dr. Thoma, Ludwig Ganghofer, Dr. Hirth, Kammersänger
Slezak, Generalmusikdirektor Abendroth, Cellist Klengel, Burgstaller,
Raucheisen und viele andere bedeutende Leute waren unsere Gäste. War das
nicht ein Zeichen, daß wir auf dem rechten Wege wanderten?
Es ist nicht gleichgültig, wie und wo sich unser Volk seine Unterhaltung
sucht. Stillose Musikanten, kitschspendende Theater oder sogar
Oberlandlerkapellen ohne Oberlandler und schweinerne Komiker, die in
Ermangelung von Humor und Witz nur mit Niedrigkeit Erfolg suchen, können
viel Schaden stiften. Wie viele reisende Truppen machen heute dem Namen
Bayern nur Unehre und Schande! Muß das so bleiben?
Nun erlaubten es mir aber meine eigenen Mittel nicht, mich der Sache ganz
zu widmen. Herumreisen und nur Geld ausgeben, das konnte ich mir nicht
leisten. Thoma starb 1921. Wahrscheinlich wäre ich im Wollen
steckengeblieben, hätten sich nicht zwei Wittelsbacher meiner angenommen.
Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern und Erbprinz Albrecht von Bayern gaben mir
Heimat in Bad Kreuth und die finanziellen Mittel, die mir ein freies,
sorgenloses Schaffen ermöglichten. Ihnen gebührt in erster Linie mein
herzlicher Dank." |
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Der Doktor auf der Tuften hatte es vorher offenbar in aller
Verschwiegenheit gerichtet: Herzog Ludwig Wilhelm von Bayern,
Herr in Wildbad Kreuth, und Prinz Albrecht von Bayern wurden auf
den Kiem Pauli aufmerksam und hielten als Mäzenaten ein Leben
lang die Hand über ihn. Frei von materiellen Sorgen, Wildbad
Kreuth wurde fortan Fixpunkt seines Lebens, konnte der Kiem Pauli
ans Werk gehen: Volkslieder zu sammeln und - vor allem - wieder zu
verbreiten.
Seine erste Erkundungsreise führte ihn, mit dem Fahrrad in strömendem
Regen, im Jahr 1927 über Waakirchen, Gaißach, Lenggries und
Wegscheid in die Jachenau, es war der erste Schritt auf einem
unendlich langen Weg. "Die ärmsten Leute und die größten
Bauern, alle haben mich gleich freundlich aufgenommen",
schrieb er einmal. "Wenn sich nach der ersten mißtrauischen Begrüßung herausstellte, daß ich kein Geld wollte
und nicht vom Finanzamt war, dann war der Bann gebrochen, und es
ist mir noch heute unvergeßlich, wie der alte Stangl von
Holzkirchen zu mir sagte, nachdem ich eine
Viertelstunde in seinem Haus war: Mir is grad, als tat i di scho
jahrelang kenna!"
Er ließ sich - landauf, landab - von Austragsbauern und
Benefizianten vorsingen, von Gendarmen, Wilderern, Holzknechten
und Schullehrern; Notenblatt um Notenblatt rekonstruirte er das
bayerische Volksliedgut, um festzuhalten, "wie das Volk
denkt und fühlt. Denn Liebe, Haß, Ernst, derben Spott und Humor
und tiefe Religiosität findet man in seinem Lied." Und den
Leser seiner Liedersammlung bat er: Sei nicht böse, wenn die
Dichtung manchmal sehr primitiv oder etwas derb ist, aber wir
wollen doch die Menschen sehen, wie sie sind, mit ihren Fehlern
und Vorzügen!" |
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Bei Wanderungen von Hof zu Hof ist es natürlich nicht möglich,
alle, die noch Liedkenntnisse haben, zu erreichen. So kam es
beim Kiem Pauli zu dem Plan, einen Aufruf zu einem Preissingen ins
Land zu schicken. Das Echo war unerwartet. Waschkörbe voller
Einsendungen kamen als Antwort. Durch die vielen Zuschriften bekam er eine umfangreiche Zahl
von Adressen zur Verfügung, und er bat, sämtliche Lieder zur
Prüfung einzuschicken. Über siebenhundert Leute sind dieser
Aufforderung gefolgt. Jeder wollte singen, jodeln. |
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Fünfzehnhundert Briefe hat er eigenhändig
geschrieben, bis die vierzig Gruppen
feststanden, die am 29. und 30. März 1930 in
der Überfahrt in Egern den Preisrichtern
vorsingen sollten.
Eine Heidenarbeit, von allen Anmeldungen das gesamte
Lied-Material zu sichten. Die zugeschickten Lieder und die Übersicht
über die gesamten Titel sind eigentlich das herausragende
Ergebnis dieses Aufrufes. Dadurch haben wir heute einen Einblick
in die Singpraxis, wie sie in den 20er Jahren in Oberbayern noch
anzutreffen war. Die Fülle des gesichteten Materials ermunterte
den Sammler Kiem Pauli, und so konnte das geplante Preissingen nur
ein Erfolg werden. |
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Schon hundert Jahre vorher wurde ein ähnlicher Versuch in der
Steiermark unternommen.
Der österreichische Erzherzog Johann
wollte bei seiner statistischen Erfassung der steirischen Gebirgstäler
und ihrer Bewohner sämtliche Gewohnheiten in Brauch und Sitte
kennen lernen. Dazu verfaßte der Erzherzog einen Appell an seine
Landsleute, der hier ungekürzt wiedergegeben wird, da er heute
noch dieselbe Gültigkeit hat: |
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"Alles, was dem Vaterlande eigentümlich ist, soll jedem
teuer sein. Nichts ist hierin zu gering, noch zu unbedeutend.
Die Vernachlässigung, alles, was ersterem angehört, zu erhalten,
hat gewöhnlich zur Folge, daß nach und nach jenes verlöscht,
was an dasselbe gekettet, und Gleichgültigkeit und Lauheit
eintritt.
In einer Zeit, wo Jagen nach Genuß, das Haschen nach
Fremdartigem so mächtig einwirkt, wo Luxus, Mode und von diesen
abstammende Unterhaltungen so einen tiefen, in das Leben
eingreifenden Einfluß üben und so vieles, der Heimat eigenes,
verschwinden machen, ist es notwendig, jenes zu erhalten, was
uns noch angehört.
Die alte Einfalt, abhängig von den eigentümlichen
Sitten, das patriarchaische Wesen, unseren Haushaltungen eigen,
mit allen seinen Verhältnissen, was hat diese erschüttert, was
ist das schleichende Gift, das sie untergräbt? Unsere Landestracht, vom Bürger bis zum Bauernstande, schwindet täglich,
unsere Ordnung und Sparsamkeit, wo ist die hingekommen? Eine
kostbare, dem bodenständigen, schnellen Wechsel unterliegende
Tracht, erweiterte Bedürfnisse ohne neue Quellen, um sie zu
befriedigen, daher unverhältnismäßiger Aufwand, zerrüttete
Haushaltungen, laxe, wenn nicht gar verdorbene Sitte und Moralität,
Geringschätzung unser eigentümlichen Erinnerungen und
Vergessenheit derselben.
So wie vielen der Heimat angehörenden
Eigentümlichkeiten, so ergeht es den Gesängen und Melodien des
Landes. Das Hochland der Steiermark besitzt gleich den
meisten Gebirgstälern eigentümliche Gesänge und Melodien. Hier vorzüglich spricht sich der dem Volke
ursprünglich eigene Charakter und Frohsinn aus, gepaart mit Gemütlichkeit.
Es sind Klänge, von denen die Alpen widerhallen, von Tal zu Tal bekannt, dem Volke teuer, dasselbe aufmunternd, sogar oft tröstend. Diese waren einst im Lande allgemein, nun hört man sie nur mehr im Hochland, unvermengt mit
fremdartigen Weisen, in ihrer ursprünglichen Reinheit.
Diese Klänge, die das Gemüt unseres Volkes so vielfältig
ansprechen, zu bewahren, ist die Aufgabe. - Möge es als der erste Schritt betrachtet werden, neben dem
sittlichen und geistigen Fortschritte auch wieder in so manches Alte und Gute einzulenken, wo es not tut. |
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Schottland gibt uns das Beispiel. Dort besteht eine Gesellschaft der Nationalmusik, welche
Versammlungen hält und Preise verteilt. An ihrer Spitze sind Männer vom höchsten Adel und von hohen Verdiensten für das Wohl des Vaterlandes und für damit verbundene Erhaltung seiner guten Eigentümlichkeiten. Es soll nun auch in der Steiermark ähnliches geschehen. Diese Absicht ist es also, welche mehrere Mitglieder der Landwirtschaftsgesellschaft zu dem Entschluß
bestimmt hat, die Feier des 2. Dezember dazu zu benützen, um auf die Erhaltung der vaterländischen Volksmusik in ihrer eigentümlichen Weise ermunternd hinzuwirken."
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Für die Verwirklichung des Preissingens brauchte der Kiem Pauli finanzstarke Partner. Es waren ja viele Auslagen, die schon bei der Vorbereitung entstanden. Den Mitwirkenden wurden die Reisekosten
ersetzt, Unterkunft und Verpflegung gratis geboten,
dann die Ausgaben für Preise und Ehrengaben.
Mit der deutschen Akademie war seit Jahren ein Kontakt durch Prof. Kurt Huber gegeben. So war jetzt vor allem die Beteiligung des Bayerischen Rundfunks zu sichern.
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Erst die Übertragung des Schlußabends in der
Deutschen Stunde aus Bayern gab dem Preissingen das Echo, das für die Verbreitung der Lieder so
entscheidend war. Der Anfang mit einer großen Volksmusiksendung im Rundfunk war schon im Jahr 1926
gemacht: ein Münchner Kellerfest, veranstaltet von Freunden altbayerischer Art, ausgeführt
vom Kiem Pauli aus Rottach am Tegernsee.
Professor Kurt Huber hatte zu der angekündigten Veranstaltung in der Rundfunkprogrammzeitschrift
"Süddeutscher Rundfunk" eine begeisterte Schilderung über das altbayerische Volkslied geschrieben. Nur ein
Auszug:
Altbaiern im Liede? Der Fremde kennt es nicht, es sei denn in der sentimentalen Verzeichnung eines
unwahren Salontirolertums, der Einheimische hat von seinem Reichtum und Wert kaum mehr eine Ahnung, so gründlich hat modische Musik und billige
Gassenmelodik auch in den stillsten Bergtälern Einzug gehalten. Und dennoch lebt es noch, nicht in verstaubten Sammlungen, sondern mitten im Volke ein kräftiges, blühendes Leben. Davon hat mich vor Jahresfrist eine frohe Wanderfahrt überzeugt, auf der ich im Auftrage der Deutschen Akademie kostbare Schätze
lebendigen Volkslieds auf die phonographische Walze bannen durfte, und noch mehr die Begeisterung, mit der des abends am Wirtstisch Jung und Alt
die heimischen Weisen erklingen ließ. Vor allem aber lehren es
prächtige Bauerngestalten wie der Staudacher-Martl von der Zell, oder der
Kiem-Pauli von Tegernsee, die - selbst lebendige
Liederbücher, die Tradition ganzer Gaue in sich vereinigen und
weitergeben. ...
(Kurt Huber wird 1943 von den Nazis ermordet)
Süddeutsche Sonntagspost, Nr. 13, 30.3.1930:
Im Gasthof "Zur Überfahrt" in Egern am Tegernsee findet heute, Sonntag, den 30. März, abends um 8 Uhr, ein volkstümlicher
Sängerwettstreit statt, der weit über Bayerns Grenzen hinaus
Beachtung finden wird. Dafür sorgen, außer den bayerischen
Sendern, die Stationen Königs-Wusterhausen, Leipzig und Zürich,
die die Übertragung ihren Hörern vermitteln werden. Die
Veranstaltung geht von der "Deutschen Akademie",
Ortsgruppe München aus, die im Verein mit der "Deutschen
Stunde in Bayern" das Unternehmen ermöglichte. Es ist die
praktische Fortsetzung der Pflege alten Kultur- und Volksgutes,
das sich diese Institution zur Hauptaufgabe gestellt hat...
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"Es kam jenes 1. Egerner Preissingen
im März 1930, das, glaub´ ich, keiner je vergessen wird, der das
Glück gehabt hat, mit dabei zu sein, dieses neue leibhaftige
Meistersingen am Tegernsee." Begeistert schrieb Karl Alexander von
Müller als Augenzeuge seine Erinnerungen nieder.
"Weißblau der
Frühlingshimmel und weißblau die Fahnen beim Trachtenzug von der
Kirche und weißblau die Lieder und die Herzen,- die ersten Kiemschen
Preissänger, der Vögele und der Sonntheim, der Treichl und der Burda
(mir kommt immer vor, wer diese vier Stimmen damals in ihrem ersten
Zusammenklang nicht gehört hat, dem mußte was abgehen sein Leben lang)
und die Geschwister aus Gaißach, und die Maierbuben aus Unterwallberg
und viele andere. Und plötzlich fielen uns allen die Schuppen von den
Augen, und wir wußten, einmal und für immer, was echt und was unecht
ist!"
Und Karl Alexander von Müller fragt sich: "Ist es nur
mir so gegangen, daß ich erst so spät erkannt habe? Hand aufs Herz,
wer von uns Münchnern, wer von uns Altbayern hat wirklich schon immer
genau gewußt, was echt ist -hat das nicht sogar der Kiem Pauli selber
erst mit Hilfe von Ludwig Thoma gelernt? Wer von uns hat bis zu jenem
Egerner Preissingen eine Ahnung davon gehabt, wie viel urlebendiges
Singen, trotz allem Fremdenverkehr, in unsern Bergen noch unentdeckt da
war? Von dem Tag an freilich haben´s viele andere auch gewußt - der
Münchner Rundfunk hat damals ja die besten Gruppen übertragen, und aus
ganz Deutschland, ja bis aus Schweden und Holland her, ist ein
begeistertes Echo zurückgekommen. Und vor allem haben es die Egerner
Preissänger alle gewußt und haben es nun mit dem Kiem Pauli weiter
über unser Land hingetragen." |
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Und es wurde nicht nur ein Riesenerfolg, seine Breitenwirkung
ist auch heute noch zu spüren.
Über das
Oberbayerische Preissingen schrieb der Eibl Sepp eine
Dokumentation mit Schallplatte "Vermächtnis des Kiem Pauli".
Dazu schreibt Herzog Albrecht von Bayern im Vorwort:
Als einer, der das
Wirken vom Kiem Pauli von Anfang an seit dem Jahr 1920 aus
nächster Nähe miterlebt hat, freut es mich besonders, daß
der Eibl Sepp dieses Buch über das unvergeßliche
oberbayrische Preissingen von 1930 verfaßt hat. Am Ende vom
ersten Weltkrieg ist es um das Volkslied in unserem Land wie
um verlöschende Kohlenfeuer gestanden, die da und dort unter
der Asche gerade noch unbeachtet fortglimmen. Es ist das
unschätzbare Verdienst vom Kiem Pauli, diese gerade noch
vorhandene Glut wieder angefacht und vor dem Verlöschen
gerettet zu haben. Von entscheidender Wichtigkeit war dabei
das von ihm veranstaltete Preissingen. Es war ein
durchschlagender Erfolg und hat die Freude und die
Begeisterung am Volkslied und an der Volksmusik in
ungeahnter Weise wieder aufleben lassen. Der Kiem Pauli hat
sein ganzes Leben dieser Aufgabe gewidmet, nicht nur aus
Liebe zur Volksmusik, sondern vor allem auch aus Liebe zu
unserem Land, zu unserem Volk und zu seiner Eigenart; und
ein wesentlicher und erhaltender Teil dieser Eigenart ist
die Musikalität uind die Freude an der Volksmusik. Eine
große Sorge war dem Kiem Pauli, daß die Volksmusik nicht von
Geschäftemachern für ihre Zwecke mißbraucht und dadurch
geschädigt wird. Da war der gute Pauli unerbittlich streng
und hat auch recht scharf werden können. Seine andere Sorge
war der Nachwuchs an Musikanten, weil durch Radio, Platten
etc. immer weniger Kinder Instrumente erlernen. Um so
dankbarer bin ich, daß der Eibl Sepp nicht nur dieses schöne
Erinnerungsbuch, das auch das Interesse an der Volksmusik
anregt, verfaßt hat, sondern daß er auch tatkräftig die
Ausbildung von unserem Musikantennachwuchs in die Hand nimmt
und so die Bestrebungen vom Kiem Pauli im besten Sinn
weiterführt.
Herzog Albrecht von Bayern
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Nach dem Zusammenbruch organisierte
der Kiem Pauli 1946 das Singen von Advents- und Weihnachtslieder
in der zerbombten Residenz in München.
In seiner Stube in Wildbad Kreuth hat sich der Kiem Pauli eine
ungeheuer wertvolle Fachbibliothek zusammen- getragen. Er war sehr
belesen und konnte damit vergleichende Forschungen zum Volkslied
anstellen. Fast alle wichtigen Werke der Volksliedforschung sind
vorhanden. Dazu auch die Zeitschriften "Das deutsche
Volkslied" (Wien) und "Jahrbuch für Volksliedforschung" (Freiburg). Diese Bibliothek ermöglichte ihm ein
objektives Arbeiten. Zudem hat er in seine Bücher beim Lesen
Bemerkungen geschrieben, die als Kommentare aus seiner Sicht
gelten können. 1933 hat Kiem Pauli wohl für Prof. Dr. Kurt Huber
eine Aufstellung seiner Bibliothek mit fünf
Schreibmaschinenseiten angefertigt. Es waren 288 Titel.
Besonderes Augenmerk sollte auf die handschriftlichen Liederbücher
gerichtet werden, die der Kiem Pauli wohl von den Sängern erhalten
hat und die er als wichtige Dokumente in seine Bibliothek
aufgenommen hat. Es finden sich Liederhandschriften aus München, Tegernsee,
Hundham, Au, Grafing, Kreuth, Dürnbach, Hausham, Kirchstigl u.a. oberbayerischen Orten darunter. Die Liedhandschriften gehen bis in die erste Hälfte des 19.
Jhrs. zurück und geben Einblick in das Liedrepertoire der Sänger. Er sammelte auch alte Liedflugschriften und Flugblätter, gedruckte
Liedertexthefte und alle anderen Zeugnisse des Singens.
Nicht verzeichnet sind die von ihm ebenfalls gesammelten und in großer Zahl zusammengetragenen handschriftlichen Notenbücher der Musikanten für z.B. Klarinetten, Trompeten, Zither, usw.
Seit ca. 1924/25 suchte der Kiem Pauli zeitweise, von 1926 bis 1930 intensiv nach überlieferten bäuerlichen Volksliedern in Oberbayern. In seiner Heimat im
Kreuther Tal wurde er bei den unterschiedlichsten Personen fündig. Es waren eingesessene Kreuther oder aus Österreich zugewanderte Jäger oder Arbeiterinnen. Somit gibt die Liedersammlung auch Aufschluß über das Singen im Kreuther Tal in den Zwanziger Jahren.
Zusammen mit Kurt Huber veröffentlichte der Pauli 1930 in der Reihe "Landschaftliche Volkslieder" des Deutschen Volksliedarchives Freiburg als Band 23 das
Heft "Oberbayerische Volkslieder" (Verlag Knorr und Hirth, München).
1934 gab er seine große "Sammlung Oberbayerischer Volkslieder" heraus. Dieses Standartwerk zum
oberbayerischen Volkslied ist heute wieder als Neuauflage greifbar.
Am Namenstag des Kiem Pauli am 29. Juni 1933 sangen in der Badkapelle in Wildbad Kreuth die
Riederinger Sänger zum erstenmal die "Deutsche Bauernmesse", die Annette Thoma für sie zusammengestellt
hatte. Auf Melodien aus der Überlieferung (z.B. Weihnachtslieder aus der Zeitschrift "Das deutsche
Volkslied") hatte sie Texte passend zur gültigen Liturgie der Dreißiger Jahre gemacht. Kiem Pauli war sehr
nachdenklich ob dieser neuen Sache.
Die "Deutsche Bauernmesse" hatte schon in den Dreißiger Jahren ihre Befürworter und Gegner, nach dem 2. Weltkrieg fand sie große Verbreitung in den Kreisen der Volksliedgruppen und Volksliedfreunde. Annette Thoma ließ die Lieder mit Zwischenspielen beim Verlag Hieber (München 1947) drucken. Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil paßte sie Ende der Sechziger Jahre ihre Bauernmesse den neuen
liturgischen Möglichkeiten an, doch die Volksliedgruppen blieben bei der "alten" Form.
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Der Kiem
Pauli schreibt "vom echten Volkslied":
Ich weiß nicht, soll man es als gutes oder
schlechtes Zeichen deuten, daß heute mehr
als früher über unser Volkslied geredet und
geschrieben wird. Früher! Ja, da war es eine
Selbstverständlichkeit, die nicht weiter
besprochen wurde. So wie die Großmutter das
Lied von ihrem Ahnl gehört wurde, so gab
sie´s weiter an den Raum, in dem sie das
Jüngste des Hauses einheidelte. Die Kleinen,
die rundum saßen und spielten, nahmen es so
auf, wie sie die Lebensluft des Hauses
einatmeten. Da ist nichts aufgeschrieben
worden, Noten hat ohnehin niemand gekannt,
und so wie der Vorgang in der Bauernstube
war, wiederholte es sich auf den Almen, in
den Spinnstuben, ja im Stall und in der
Werkstatt, beim Heimgarten und auf der
Hausbank.
Inzwischen sind die Zeiten anders geworden, Wirtschaft und
Technik haben uns Erleichterung gebracht, haben aber auch
manches verdrängt, was gut und schön war. Wir mochten aber
dieses Gute und Schöne, soweit es Träger unserer Volkskultur
ist, doch erhalten, ja wir haben die Pflicht, es zu erhalten,
weil wir wissen, daß mit dem Verlust jener Gepflogenheiten, die
wir Bräuche nennen, allmählich auch das verlorengeht, was diese
Bräuche ausdrücken: unsere Ursprünglichkeit, unsere Einstellung
gegenüber den Dingen und Geschehnissen, die Welt-Anschauung vom
heimatlichen Standpunkt aus und anderes wertvolles Vätererbe,
die Gestaltung unseres Arbeitstages und unserer Feste sowie die
Bindung an die natur und an den, der sie geschaffen hat.
"Volkslieder sind der Spiegel der Seele", schrieb einmal
Professor Dr. Kurt Huber (wegen seiner aufrechten Haltung
hingerichtet im Juli 1943), der große Musikwissenschaftler, mit
dem mich schöne Zusammenarbeit und herzliche Freundschaft
verband. Wir denken bei diesem Wort an das echte, das bodengewachsene Volkslied, das zum Menschen gehört wie die Welt,
in der er lebt: die Berge und die Heide, der Troadboden und das
Moor, der hohe Wald, die Düne, das Meer. Wort und Ton bezeugen
diese Zusammengehörigkeit deutlich. Wenn wir die auf- und
niedersteigenden Koloraturen eines älplerischen Jodlers hören,
dann steigen vor unserem Auge die jähen Gipfel unserer Berge
auf, während ein Volkslied aus der Heide oder dem Marschland
sanfter hingleitet und oft von leiser Schwermut überhaucht ist.
Wir nennen darum diese wurzelechten Volkslieder im eigentlichen
Sinne und möchten sie nicht mit den allgemeinen deutschen
Volksliedern verwechseln, die im Grunde volkstümliche Lieder
sind. Es sind dies die schönen Lieder des gesamten deutschen
Sprachgebiets, wie "Sah ein Knab ein Röslein stehn",
"Am Brunnen vor dem Tore" und wie sie alle heißen.
Feinsinnige Dichter und Komponisten haben sie verfaßt. Sie sind
das "klingende Band", das alle deutschsprachigen Länder
und Völker verbindet, sie werden in Wien nicht anders gesungen
als in Luzern oder Bremen, und wer einmal einen in der Fremde
getroffen hat, mit dem er "O Täler weit, o Höhen"
singen konnte, der weiß, wie glücklich diese Lieder machen können.
Es sind deutsche Lieder im Volkston, volkstümliche Lieder.
Echte Volkslieder dagegen wachsen frei heraus aus dem Volk. Man
kennt weder Dichter noch Komponist. Wohl hat sie einmal einer ersonnen,
aber das war ein "Irgendwer", ein lustiger
Bauernmusikant, ein verliebter Holzknecht, ein Dorfschullehrer
oder Mesner, ein Arbeiter, ein Fuhrmann, halt einer, dem Sinn
und Ton so lang im Herz klangen, bis sie sich aus der Kehle sangen. Von jeher haben sich diese Lieder mündlich
fortgepflanzt
in der jeweiligen Mundart derer, die sie hörten und nach der
Melodie, die im Gedächtnis haften blieb. Daher die unglaublichen
Abwandlungen von Wort und Ton, die wir schon zwischen
benachbarten Tälern feststellen können! Beim Liedersammeln
finden sich wohl noch hie und da "geschriebene Liederbüchl", wo
der eine oder andere Liederfreund alles zusammengekritzelt
hat, damit er´s nicht vergesse. Aber Noten sind sehr selten zu
finden, der Forscher muß sich meist an die Überlieferung halten.
Im allgemeinen erhalten sich diese Lieder dort, wo sie verstanden
werden, wo sie sozusagen "Muttersprache"
sind. Sie gehen aber merkwürdigerweise auf die Wanderschaft und
passen sich dann dem Boden, dem Klima und der Sprache an, in die
sie verpflanzt wurden. Es wurden in Skandinavien schwedische
Volkslieder gefunden, die nachweislich ihren Ursprung im Alpenraum haben und vermutlich durch Tiroler
Handschuhmacher nach dem
Norden kamen. Das "Haidlbubaidl" aus einem unserer
bekannten Wiegenlieder wird auf griechischen Ursprung zurückgeführt,
hat sich aber unserer Mundart völlig einverleibt.
Wir dürfen nicht übersehen, daß beim Volkslied auch dem Wort
eine hohe Bedeutung zukommt, nicht nur der Weise! Das wird oftmals
übersehen. Mundart ist ja schon an und für sich Musik. und ich
kann mir kein innigeres Tagelied denken als die morgendliche
Aufforderung des Mädchens: |
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Es werd scho´tagelet, es werd scho´tagelet,
Es werd scho´tagelet, mei lieber Bua,
Werst müssen aufsteh´, werst müssen hoamgeh´,
Zammareameln Deine Schuah! |
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Unsere volkstümlichen Lieder in Ehren,
aber angenommen, ein Schweizer Senne urechter Art soll mir sein
Wesen, ja sein ganzes Volk im Lied nahebringen, dann will ich
nicht "Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal" von ihm
hören, sondern ein "Lied ohne Worte", womit ich einen jener
unvergleichlich schönen Jodler meine, die Lust und Schmerz,
Freude und Zuruf zugleich sind. Die anders sind in Tirol, wieder
anders in Bayern oder in Kärnten und im Schweizerland. Im
gutturalen Silbenwechsel kommt dort das alemannische Element
deutlicher zum Ausdruck als in der vollendetsten Schriftsprache.
Ein ehrlicher Volksliedforscher, Sammler
und Pfleger kann im Grunde nur im eigenen,
stammgebundenen Gebiet fruchtbare Arbeit
leisten. Daher ist der Wunsch nach rührigen
Heimatpflegern in allen deutschen Gauen
begreiflich. Das Ohr muß gestimmt sein für
die Laute der Heimat und das Herz muß warm
schlagen für das Landl, das uns mütterlich
im Arm hält. Das Erforschte - auch anderer
Gebiete - ist für jeden, nicht nur den
Bodenständigen, wertvoll und interessant. Es
- regt zu vergleichen an, deckt
Zusammenhänge auf und eröffnet dadurch neue
Gesichtspunkte. Es ist eine große Tat, die
uns zu dauerndem Dank gegen Professor John
Meier verpflichtet, daß im großen
Volksliederarchiv zu Freiburg jeder
Landstrich deutscher Zunge seinen
Volksliederschatz finden kann, soweit er
schon gehoben ist. je mehr und je
weitgreifender davon Gebrauch gemacht wird,
um so erfolgreicher wird die Arbeit nach der
anderen Richtung hin sein: nämlich die
Wiederbelebung und Pflege des Volksgesangs.
Ich glaube, daß diese Arbeit mindestens
ebenso wichtig ist, wenn nicht noch
wichtiger, als das Sammeln und Forschen.
Denn das Ruhen in Archiven oder das
Verarbeiten des kostbaren "Materials" zu neuen wissenschaftlichen Werken kann
und darf nicht Endzweck alles Liedersammelns sein.
Ich
bin jahrelang mit meinem zerlegbaren Zitherl
im Rucksack teils per Rad, teils zu Fuß in
die entlegensten Dörfer gepilgert, auf
einsame Höfe gestiegen, hab mich im
Wirtshaus an den Ofentisch gesetzt, manche
Zeche bezahlt und selber viel gesungen, bis
ich aus meinen Landsleuten das eine oder
andere echte Volkslied herausgelockt habe.
Und ich habe erkennen müssen, wie wenig
vorhanden war und wie viel verloren gegangen
ist. Das meist kam mir dann zu, als ich im
Jahr 1930 zu einem Preissingen in Egern am
Tegernsee aufrief und Sänger und Lieder aus
der Vergangenheit herausholte. Seitdem, das
sind ja nun schon 25 Jahre, hat der Same
gute Frucht getragen, und treue Freunde und
Sänger helfen mir, daß immer weitere Kreise
in diese Wiederbelebung mit einbezogen
werden.
Mit Neid und Verehrung habe ich stets
zu unseren großen österreichischen Vorbildern aufgeblickt. Den
Weg zu ihnen wies mich Ludwig Thoma, der unvergeßliche Doktor.
"Pauli" Sie müssen unseren Volksliedern nachspüren, wie es die
in Österreich mit den ihrigen taten!" Und er gab mir die
Zeitschrift "Das deutsche Volkslied" des Deutschen
Volksgesangvereins Wien, deren Jahrgänge ich mir alle beschaffte
und weiterbezog von 1899 an. |
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Prof. Dr. Josef Pommer wird stets mein
großer Lehrmeister bleiben. Nichr minder die anderen
hochverdienten Österreicher, deren Namen unvergessen sein
sollen, auch bei uns: Liebleitner, Kronfuß, Poeschl, Klier,
Fraungruber, Mautner, dessen einmaliges "Raspelwerk" mir Ludwig
Thoma schenkte, Zack und nicht zuletzt der große Volkskundler
Viktor von Geramb und der Mann des Volkstanzes Raimund Zoder,
mit denen mich heute noch die herzlichste Beziehung verbindet.
Der bajuwarische Stamm ist nicht an die
weißblauen Grenzpfähle gebunden. er umfaßt das bayrische Fünfeck
vom Böhmerwald zum Alpenrand und sitzt fest in Kärnten und
Steiermark. So kommt es, daß unsere Lieder eine Einheit bilden.
Sie kommen aus derselben Wurzel, an ihren Blüten aber zeigen sie
den "bunten Abglanz", an dem wir, nach Goethe, das "Leben
haben".
Tauchen wir nun von diesen unserem
speziellen Volksliedbereich hinab in die großen Werke, die uns
Herder und Goethe, Erk und Böhme, Brentano, Uhland u. a.
geschenkt haben, so wissen wir, daß nicht nur im alpenländischen
Raum, nicht nur in Bayern die Bächlein des echten Volkslieds
sprudeln, sondern daß allenthalben in deutschen landen Quellen
darauf warten, daß die rechte Hand an den Felsen schlage.
Diese
Zeilen des Kiem Pauli, geschrieben um
1955, geben Antwort auf die Frage: kann die sogenannte
modernisierte oder besser gesagt verjazzte Musik bayrische
Volksmusik sein? Für mein Dafürhalten nicht. Ich kann die
afrikanischen und amerikanischen Menschen selbstverständlich
tolerieren, aber ich kann mich nicht in sie hinein versetzen, es
sind nicht meine Wurzeln und nicht mein Umfeld. Wie der Pauli
schreibt, bei einem Jodler sehe ich Berggipfel, Almen und Täler vor
mir, keine Savanne und keine Baumwollfelder. Doch die bayrische
traditionelle Volksmusik überlebt sicher auch diese Auswüchse.
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Der Kiem Pauli starb am 10. September
1960 um 1 Uhr im Sanatorium Wildbad Kreuth. Herzog Ludwig Wilhelm
und Dr. Kölwel waren bei ihm. Am 13.September wurde der Pauli
im Kreuther Bergfriedhof beerdigt. Die Anteilnahme der Bevölkerung
war sehr groß. Kirche und Friedhof waren voll von Kreuthern; Sänger
und Musikanten gaben das letzte Geleit.
Seitdem findet alle Jahre das Kiem-Pauli-Singen am letzten
Adventsonntag in der Kreuther Kirche statt. |
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Zum 100. Geburtstag schrieb Herzog Albrecht von Bayern:
Am 25. Oktober 1982 werden es 100 Jahre seit der Kiem Pauli
geboren wurde. Das erste mal habe ich ihn gesehen und gehört, wie
er den Soldaten im Ersten Weltkrieg in Frankreich vorgesungen hat.
Ich war damals ein Bub bei meinem Vater zu Besuch, weil er sich
keinen Urlaub nehmen konnte.
Nach dem Krieg war der Kiem Pauli oft
auch mit Ludwig Thoma beim Bruder meiner Mutter in Kreuth. Er
hat damals im berühmten Trio "Reiter-Holl-Kiem"
gesungen und gespielt. Durch ein Magenleiden, das er im Krieg
bekommen hatte, wurden zwei Operationen notwendig, und da er nach
der zweiten nicht mehr jeden Abend das anstrengende Singen und
Spielen mitmachen konnte, ist er dann von Tegernsee ganz nach Kreuth übersiedelt. Er hat dann bei uns gewohnt, wo er die Ruhe gehabt hat, sich ganz auf das Sammeln der Lieder und
Volksmusik sowie auf deren Wiederbelebung zu verlegen.
Was er auf diesem Gebiet geleistet hat, darüber braucht man kein Wort zu verlieren; das ist bekannt genug. Was er aber gewollt hat, soll in seinem Sinn anläßlich dieses Jahrestages wieder in Erinnerung
gebracht werden. Nachdem der Pauli bei uns gelebt hat, weiß ich, daß er, wenn er heute noch leben würde, sehr glücklich darüber wäre, daß die Saat, die er
gelegt hat, so gut aufgegangen ist, und das heute wieder viel mehr gesungen und musiziert wird, als damals in den zwanziger Jahren. Aber vieles daran würde ihm gar nicht gefallen.
Was der Pauli gewollt hat, ist, daß unsere bodenständige Volksmusik nicht durch internationale
Modemusik verfälscht und verdrängt wird, und schließlich verloren geht. Sein Wille war, sie wieder zu beleben, so daß das Landvolk wieder Freude
daranbekommt, für sich selber singt und musiziert, und nicht als Darbietung für ein Publikum! Die Volksmusik auf dem
Podium hat er nicht gern gesehen, außer als Hilfsmittel zu diesem Zweck, wie bei dem unvergeßlichen
Preissingen in Egern. Ganz scharf und hart hat der sonst so gutherzige Kiem Pauli werden können, wenn er
gemerkt hat, daß mit der Volksmusik ein unsauberes Geschäft gemacht werden sollte. In dieser Beziehung war der Pauli unerbittlich streng. Sein Charakter war eben sauber, offen, grad und furchtlos, wie auch seine
Haltung in unseren finstersten Zeiten bewiesen hat.
Wenn heute sein Andenken gefeiert werden soll, so am besten indem man seinen Wunsch erfüllt und dafür sorgt, daß Sänger und Musikanten nachwachsen, die unter sich und aus Freude musizieren in Vielfalt, jeder nach seiner eigenen Art und seiner Gegend, und die nicht alle den gleichen, gerade gefeierten "Star" nachmachen wollen. Und vor allem: Volksmusik soll vom Volk aus und für das Volk da sein, und nicht als Attraktion und Geschäft für ein sensationslüsternes
Publikum gemacht und mißbraucht werden.
Herzog Albrecht von Bayern
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Literaturnachweis:
Oberbayerisches Preissingen von Sepp Eibl, Rosenheimer
Kiem Pauli - Leben im Kreuther Tal - Bezirk Oberbayern 1992
Kiem Pauli - Leben und Sammelwerk - Bezirk Oberbayern 1987 |
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Die Musik in
den bayrischen Bergen 1873 - von Karl Stieler
Wenn wir die Charakterzüge des
bayrischen Südens betrachten, so tritt uns einer vor allen
anderen entgegen: das ist die Vorliebe, die der Hochländer für
alle Melodie hat. Der Alte, der in seiner Austragsstube kauert,
pfeift sich sein "Liedl", und der kleine Enkel, der von dem
hohen Berggehöft zur Schule herunterklettert, hat auch das
seine. Wenn der Knecht am Abend vor dem Haus sitzt und mit
hallendem Hammer die Sense dengelt, so begleitet er die
schneidige Waffe mit seiner schneidigen Weis; wenn der Hüterbub
die Herde heimtreibt, tönt über die kühlen, taufeuchten Matten
sein heller Jodler. In aller Arbeit klingt ein Stück Melodie
hinein; während die Hände belastet sind, ist die Seele doch
befreit. Man wird natürlich heutzutag ausgelacht, wenn man das
alte, ehrliche Wort zitiert; daß böse Menschen keine Lieder
haben, und deshalb wollen wir auch dies Kapitel beiseite lassen,
aber etwas wahres bleibt eben doch daran. Denn diese Lust zum
Sang, dies leichte Finden der Melodie, ja, dies Bedürfnis nach
hellen Tönen ist doch der schlagenste Ausdruck für die
unbezwinglich-frische Lebenskraft, die in unserm bayrischen
Hochland waltet, für den Drang nach Freiheit, der dort in allen
Herzen pocht, für den Frohsinn, der sich trotz aller Mühsal
erhalten hat.
Die gestrengen Herrn vom Amt, die vor
Zeiten gar schlimm in unseren Bergen hausten, sahen freilich mit
grämlicher Miene auf diese "Singerei", ihr Streben war ja darauf
gerichtet, den verwegenen Geist, der dort regierte, zu beugen,
und sie witterten wohl, daß in diesen Jodlern und Almenliedern
noch ein ganz anderes Geheimnis stecke, als das musikalische
ABC. Sie fühlten mit einem Wort das schaffende Kulturelement,
das in den Liedern eines Volkes liegt; sie merkten, daß das ein
heimlicher Ersatz für die verpönte "Redefreiheit" sei, und
meinten, man könne unmöglich so lustig und dennoch brav sein!
Darum erhoben die "Gestrengen" bald
einen systematischen Krieg gegen Zither und Fiedelbogen, gegen
Ländler und Schnaderhüpfel.
Noch bis zum Beginn dieses
Jahrhunderts ward allen Musikanten, die nicht in diesem
Amtsbezirk ansässig waren, der Eintritt in denselben verboten;
wer sich gleichwohl einschlich, mußte für jeden Tag fünf Kreuzer
Strafe zahlen. Die Eingeborenen aber wurden wie Spitzbuben unter
strenger Aufsicht gehalten und durften kein anderes Instrument
berühren, als das eine, für welches sie ihr Patent besaßen; das
sträfliche Tanzen, Springen und "Juchezen" aber ward völlig
untersagt. Man nannte solche Gewohnheiten im Amtsstil eine
"Insolenz".
Doch selbst in neuester Zeit ward nach
diesem System fortgefahren, noch for 20 Jahren boten sich
Pfarramt und Landgericht die Hand, um der kecken Singerei ein
Ende zu machen. An manchen Orten, wie z. B. in Bayrischzell, das
als die Hochschule der Jodler galt, ist dies auch gelungen, im
ganzen aber führte das Mittel nur selten zum Ziel. Es war wohl
im Wirtshaus und vor dem Kammerfenster ein wenig stiller, aber
man hatte ja die weiten Berg, die grünen Almen:
"Den stockfinstern Wald,
Wo´s Jodeln schön hallt."
Und wenn auch dem Herrn
Landrichter die "Trutzgesangeln" verhaßt waren, dem Dirndl waren
sie um so lieber; kurzum, die Jungen sorgten, daß es beim Alten
blieb.
"Zum Dirndl auf dÁlm
Bin i oft auffi grennt,
Und da hats mi von weit scho
Am Juchezen kennt.
Und bal i amal stirb,
stirb, stirb,
Spielts mir an Landler auf,
Na tanzt mei Seel, Seel, Seel
Pfeilgrad in Himmel nauf." |
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Das populärste Instrument im Gebirg
ist offenbar der - Schnabel; den hat jeder bei sich, den läßt
man singen, wie er gewachsen ist. Und er macht von diesem Recht
reichlichen Gebrauch, zwanglos klingt das Lied ins Weite, die
Leute lernen es nicht, es geht von selber - weil´s von Herzen
geht.
Die meisten lassen es dann auch bei
dieser Vokalmusik bewenden, die sich vom einfachen Juhschrei bis
zu den gefährlichsten Koloraturen ausdehnt; aber trotzdem haben
sich doch auch alle möglichen Instrumente im bayrischen Gebirg
eingeschlichen, ja manche sind sogar die eigene Erfindung der
Berge.
Wer sonntags auf den Chor einer
Dorfkirche steigt, der findet schon ein ganz respektables
Orchester, in dem sich beleibte Kontrabässe und dicke Trompeten
breit machen, auch ein Waldhornsolo bricht häufig aus dem
Hinterhalt. Die Fiedel ist so populär geworden, daß fast in
jedem Ort fünf bis sechs Personen dieselbe geläufig spielen, und
Mittenwald, das braune, verwitterte Bergdorf, das unter den
Felsen des Karwendels liegt, ist weit berühmt durch seine
Geigenmacher. Das Holz dazu wird aus dem Gebälk der ältesten
Häuser genommen, die schon über 500 Jahre stehen, an denen
Kaiser Ludwig der Bayer vorüberritt, wenn er zur Bärenjagd in
die Berg zog. Daß man von "Heimgeigen" spricht, wenn man jemand
tüchtig abgefertigt hat, zeigt am besten, wie nah dieser Begriff
dem Bewußtsein der Leute steht, aber das eigentliche, nationale
Instrument war doch die Fiedel nie, sondern das sind Zither und
Schwegelpfeife. Diese beiden sind die Träger und die leibhaftige
Verkörperung all´ jener heiteren Jodler, sie sind die
eigentliche Hausmusik der Berge. Nur der Vollständigkeit zuliebe
soll noch die Mundharmonika genannt werden, die freilich im
Range sehr zurücksteht. Eine Guittarre sieht man beiden
eigentlichen Eingeborenen nur selten, das Klavier gucken sie
vollends an wie die Wilden. "Was ist denn dös für a groß
Kanapee?" frug mich ein Tegernseer Bauer ganz erstaunt, als er
zum ersten Mal einen Flügel sah.
So muß sich der freundliche Leser denn
wohl mit einer etwas bescheidenen Auswahl begnügen, denn in der
kleinen Bauernstube, in die unser Bild uns führt, schlagen
Nagelschuhe den Takt; da gibts nur Länderweisen, keine
Symphonien. Wems nicht recht ist, der soll draußen bleiben, die
johlenden Paare da drinnen könnens auch "ohne seiner".
Das ist das echte Zitherspiel, wie es
der braune Kerl da treibt, das sind die tichtigen Lädler, bei
denen die Beine unter dem Tisch von selber unruhig werden.
Schaut nur, wie ihm der Übermut aus den Augen lacht, wie die
halbgeöffneten Lippen das rechte Wort erhaschen.
"Unds Dirndl, die draht si gern,
Müd kunnts halt gar nit wern,
Wenn i fünfzehnmal möcht,
Is ihr sechzehnmal recht.
Und die richtigen Dirndl
Dös san halt die kloan,
Die wickeln sich gar a so
Umi um oan.
Und in meiner Revier
Da ghört jeder Hirsch mein,
Und es wird mit die Dirndln
Scho auch a so sein." |
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Und wie keck, wie "landlerisch" klingt
erst die Melodie zu diesen Weisen! Es meint wohl mancher, er
hätte echte Ländler gehört, weil er einmal jener Menschenrasse
in die Hände fiel, die sich Alpensänger nennen, aber die
2echten", die lassen sich nicht exportieren, die gehen auf dem
Transport zugrunde wie Alpenrosen, die man nach Berlin schickt.
Selber pflücken heißt es da.
Bei den großen Festlichkeiten des
Jahres, am Kirchweihtag, bei Hochzeiten und Jahrmärkten,
dominiert die Geige, wenn es zum Tanzen geht, und hier
schleichen sich auch schon bisweilen moderne Walzer ein, im
Wirtshaus aber, an den Sonntagnachmittagen oder in den
Bauernhäusern, wenn es Feierabend ist, herrschen unumschränkt
die Zither und der Ländler.
"Geh, Hansei, mach oan auf!" heißt es
von allen Seiten, wenn sich ein Kundiger im Kreis befindet, und
ohne sich zu zieren, wie es Virituosen ziemt, greift der Hansei
in den Rucksack und holt sich "sei Musi". Dann kommt mit einmal
ein neuer schneidiger Zug in das bunte Treiben, der eine fällt
mit einem Trutzlied drein, der andere hat schon die Antwort auf
den Lippen, und der dritte faßt schon die "G´sellin", die eben
an ihm vorübergeht, beim Mieder. Im Hui ist die rauhe Diele zum
Tanzboden verwandelt. "Oan noch, oan noch", tönt es von allen
Seiten, sowie der erste Landler zu Ende ist, und wenn dann ein
tiefer Trunk geschehen, beginnt der Spektakel aufs neue, bis
etwa die Saite springt und der Hansei flucht: "Herrgott-Element,
eh wars E a und jetzt is A aa a."
Der Bauer sagt nicht leicht
Zitherspielen, viel lieber ist ihm das prägnantere Wort
"Zitherschlagen", "ein Landler abizupfen", "abischleifen" und ,
wenn alles drunter und drüber geht, "ein abireißen". Noten sind
nur den wenigsten bekannt - "die Hennafüß, die Schwollköpf mag i
nit."
Natürlich spielt auch die Musik auf
den Almen eine große Rolle; der Juhschrei ist nicht bloß ein
Pläsier, wie die Herren von der Stadt meinen, sondern es ist das
mächtigste Mittel, worüber die Sennerin gebietet. Dem Verirrten
dient er zum Führer, er ist der Ruf nach Hilfe und das Zeichen
der Freude, er ist der Telegraph in diesen einsamen,
weitschichtigen Regionen, wo sich die Menschen ja viel leichter
mit dem Gehör als durch das Gesicht entdecken. Eine Sennerin,
die nicht juchezen kann, ist nahezu unmöglich, und selbst
diejenigen, die schon der reiferen Jugend angehören, bei denen
man kaum vermutet, daß sie noch so verwegen auf der Tonleiter
herumklettern, sind nicht davon dispensiert. Nur wenn ein
Unglück passiert ist, wenn die Mutter gestorben oder der Liebste
untreu geworden ist, dann verstummt jeder Juhschrei, und alle
Versuchung mag es nicht, ihn hervorzulocken. Dieselbe
Empfindung, die uns Städtern in Trauerfällen jeden lärmenden
Laut verbietet, herrscht unbewußt auch dort; es ist
gleichermaßen die form der Trauer, die in den Bergen herscht.
Zum "Unglück" auf den Almen aber
gehört auch jedes Mißgeschick, das der Herde begegnet; die Tiere
sind dort oben nicht etwa Sachen sondern Personen, jedes hat
seinen Namen und seine Geschichte, und es hat mich oft als
Naivität gerührt und die Klugheit gewundert, womit die
Sennerinnen jedes nach seiner Eigenart behandeln. Wenn sich ein
Kalb erstürzt oder dergleichen, so ist dies nicht bloß ein
Schaden, sondern ein Herzenskummer, und wie sie es nicht wagen
würde, nach einem solchen Unglücksjahr die Herde zur Heimkehr zu
bekränzen, so wagt sie es nie, in einem solchen Sommer auch nur
einen Juhschrei zu versuchen. Es steckt zuviel Lebensfreude, zu
viel laute Kraft in diesem Ruf, als daß er sich für belastete
Herzen schickte.
Der Juhschrei ist ein einziger, aber
reichgeliederter Klang, das lange Trällern in hohen Jodeltönen
nennt man "galmen". Hier wird bereits ein bestimmtes
musikalisches Thema variiert, aber immer noch sind es Lieder
ohne Worte. Dann erst, in dritter Reihe kommt der Almensang, der
der Stimmung nicht bloß durch Melodien, sondern auch durch Worte
Ausdruck leiht, bald in de schneidig-knappen Form des
Schnaderhüpfels, bald in der lyrischen Weise unseres deutschen
Liedes. Zu beiden Sangesweisen ist die Zither und Schwegelpfeife
das rechte begleitende Instrument, und wer die beidn gut zu
spielen weiß, der ist bei den "Dirndln" noch einmal so hoch
"geschatzt" als ein stummer Geselle. Solche Lieder gibt es in
zahlloser Menge; sie tauchen aus der Laune des Augenblicks
hervor und fallen wieder in die Vergessenheit zurück; manche
aber sind hundert Jahre alt, doch die meisten werden alle Zeit
auf den Almen und über die Almen gesungen. Ja, die Almen mit
ihrem grünen Parterre und ihren Felsenkulissen, mit ihren
samtgrünen Sitzen und ihrem mächtigen Wolkenvorhang, sie stellen
doch die eigentliche Bühne für das musikalische Talent unseres
bayrischen Hochlandes dar. Kein anderes Haus der Welt ist so
akustisch gebaut wie sie, und jeder, der da will, hat freien
Eintritt, wenn auch bisweilen der Aufgang etwas unbequem ist.
Ohne die Almen gäbe es schwerlich jenen fröhlichen Gesang, der
jetzt ein Schmuck und ein tiefer Charakterzug des bayrischen
Bergvolks ist: sie sind es, die dem Wanderer faßt unbewußt das
Wort aus der Seele locken und seinen Gedanken zum Ton gestalten.
Wir merken es ja an uns selber, wenn wir so hoch im Blauen über
den steilen Grat hinziehen und dann an einem Felsenvorsprung
still stehen und tief hinein in Berg- und Wäldermassen blicken,
wie es uns da verlockt, etwas ins Weite hinauszurufen. Selbst
der gemessene Philister kann es sich schwer versagen, ein
ungeschlachtetes Hoi-didel-dum herauszustolpern, selbst der
Berliner unternimmt das Wagestück und jodelt in solchen
Augenblicken - daß es "Stein erweichen" könnte. Man kann, mit
einem Wort, nicht still sein; wie muß es denen von den Lippen
fließen, denen wirklich Gesang gegeben ist.
Die Eingeborenen wissen es wohl, was
sie in diesem Sinn ihren Bergen schuldig sind, fast all´ die
schöneren Gipfel haben ihr eigenes Loblied; überall werden die
Almen und der Almengesang gefeiert. Der beste Tag ist der
Samstag. Das ist der wahre jour fixe für alle Konzerte, denn da
steigen die Bursche (damals "die Bursche", statt der heute
üblichen "Burschen"), wenn es mit der Arbeit vorbei ist, hinauf,
um ihr Schätzlein aufzusuchen. Der Hüterbub, die Sennerinnen aus
den Nachbarhütten und das lustige Feuer sind Gesellschaft genug,
um bald das Leben zur lauten Lust zu entfachen und das Bild aus
der Erde herauszustampfen, das Defregger den "Ball auf der Alm"
genannt hat.
"Und
am Samstag, verstehst mich,
Da kimmt auch mein Bua,
Und er jodelt so fein
Und schlagt Zither dazua."
Freilich kommt er zum
großen Leid nicht immer, und gar oft, wenn er kommt, dann "mag
er nit".
"Geh, mei Hansei, nimm
dei Pfeifen (Schwegelpfeife),
Tu mir etwas abaschleifen (aufspielen),
Geh, mei Hansei, wenn i dich bitt!"
"Na, mei Gredl, heut schleif i dir nit."
Da aber wird es selbst dem
Schatz zuviel, denn in den Bergen gilt der Satz: "Unser Mutter
hat uns ja nit grad für an einzigen aufzogen." Trotzig ruft sie
dem schweigsamen Hansei die Worte nach:
"Wenn d´ nit magst, so
laßt es bleiben,
Plag di nur nimmer mit´n Auffisteigen;
Glaub nur net, daß i di
nochmal bitt,
So a Bübei - das taugt mir nit." |
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Also Krieg und Friede wird musikalisch
in Szene gesetzt, Festtag und Werkeltag haben ihren eigenen
Klang, und wenn wir in später Abendstunde durch ein Bergdorf
wandern, wenn nur mehr ein einziges Fenster am Wirtshaus
erleuchtet ist, so schallt doch durchs Fenster noch eine
bekannte trillernde Melodie; die letzten zecher, die sich längst
von aller Polizeistunde emanzipiert haben, sitzen hier
beisammen; sie disputieren nicht mehr, sondern sie singen. Und
selbst der allerletzte, der das verschlafene Haus verläßt,
jodelt sich noch langsam heim und trällert seinem Gewissen einen
beruhigenden Monolog:
"Vom Bürschlinger-Hansei
Wird alleweil gredt,
Doch ma redt bloß vom Saufen,
Vom Durst redt ma net."
Wie manche ausgelassene Stunde, wie
manchen hellen Sommerabend hab ich im Kreis solcher jodelnden
Holzknechte verbracht am Königssee, an der Wurzelhütte, in der
Kaiserklause; das dumme Zeug, das wir dazumal den Lüften
anvertrauten, hat doch kein Verstand des Verständigen
übertroffen.
Dann aber, als die tollen
Studentenjahre verwichen waren, trat ich als ehrsamer Praktikant
in irgendein Landgericht, natürlich ein solches, das zwischen
den hohen Bergen liegt.
"Oh, ich kenne Sie schon", sprach der
Chef desselben mit würdevoller Stimme, "Sie sind mir bereits vor
zwei Jahren angezeigt worden wegen Absingens sehr bedenklicher
Schnaderhüpfeln."
Und als die Tage wuchsen, als ich in
den hohen Aktengestellen allmählich ebenso vertraut war als in
den Felsen des hohen Wallbergs, da fiel mir einmal ein finsterer
Bericht in die Hände, wo es leibhaftig im Gendarmenstil
geschrieben stand, daß beim -wirt eine Singerei von Holzknechten
und andern ledigen Burschen stattgefunden habe, die fast an
Ruhestörung grenzte: der Tonangeber und Rädelsführer aber war
ein gewisser, der Polizei bisher ganz unbekannter - Karl
Stieler.
Quelle: Kiem Pauli - Leben und
Sammelwerk - Bezirk Oberbayern und Bayerischer Landesverein für
Heimatpflege e.V. 1987 |
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